Vorreiter: An der Kardinal-von-Galen-Schule werden schon seit 1997 Kinder mit und ohne Handicap gemeinsam unterrichtet. - © zele
Vorreiter: An der Kardinal-von-Galen-Schule werden schon seit 1997 Kinder mit und ohne Handicap gemeinsam unterrichtet. | © zele

Harsewinkel Kardinal-von-Galen-Schule in Harsewinkel wird für fast 900.000 Euro barrierefrei umgebaut

Vom neuen Konzept wird aber das „Rolli-Mädchen“ Amelie nicht mehr profitieren

Richard Zelenka

Harsewinkel. Auf die Frage, wie es denn im Computerraum aussieht, antwortet Amelie mit einem Schulterzucken. „Das weiß ich nicht, war ja noch nie da“, sagt das elfjährige Mädchen, das seit vier Jahren die Kardinal-von-Galen-Schule (KvG) besucht. Der Computerraum befindet sich in der oberen Etage – dort kommt die Viertklässlerin ohne fremde Hilfe nicht hin. Gut, dass ihr den ganzen Vormittag Nicole Moré als aufmerksame Integrationshelferin zur Seite steht. Amelie Meimann ist ein „Rolli-Mädchen“, sie ist von Geburt an schwer körperlich beeinträchtigt und auf den Rollstuhl angewiesen. Steile Rampen und Treppen, wie es sie heute noch an der KvG vielfach gibt, sind für sie ein unüberwindbares Hindernis. Das soll sich bald ändern. Der Planungs- und Bauausschuss hat in seiner jüngsten Sitzung einstimmig einen barrierefreien Ausbau der katholischen Grundschule und der benachbarten Erprobungsstufe des Gymnasiums (ehemals Don-Bosco-Förderschule) befürwortet. Jetzt muss nur noch der Rat zustimmen Zwei Fahrstühle, eine Fluchttreppe mit einer behindertengerechten Rampe und der Haupteingang, der dann auch für Rollstuhlfahrer geeignet ist, sowie diverse Brandschutzmaßnahmen werden mit 880.000 Euro zu Buche schlagen. Jetzt muss nur noch der Rat zustimmen, dann kann das Vorhaben vielleicht schon im Sommer in Angriff genommen werden. Für Monika Scharf, die seit Oktober die Schule am Pfingstknapp kommissarisch leitet, wird dann ein Traum Wirklichkeit: „Inklusion ist erst dann Inklusion, wenn alle Kinder ohne Einschränkungen freien Zugang zu ihrer Schule haben“, sagt die Pädagogin, die viele Jahre eine Grundschule in Gütersloh leitete. Sie sei der Stadt und ihrer Bürgermeisterin Sabine Amsbeck-Dopheide sehr dankbar, dass sie ein so offenes Ohr für die Bedürfnisse und Probleme der Sonderpädagogik hätten. Der Umbau kommt zu spät Für Clara, die bis Weihnachten die KvG besuchte, kommt der Umbau zu spät. Sie ist ebenfalls auf einen Rollstuhl angewiesen. Der Wechsel zur Erich-Kästner-Förderschule Oelde war für sie und ihre Eltern die beste Lösung – dort ist man auf ihre Handicaps baulich und pädagogisch bestens eingestellt. Deswegen wird auch Amelie nach dem vierten Schuljahr die Kardinal-von-Galen-Schule – ebenfalls in Richtung Oelde – verlassen. Noch ist ihr Schulalltag voller Hindernisse. Es fängt am frühen Morgen an. Amelie wird von ihrem Vater mit dem Auto zur Schule gebracht. Wenn der Behindertenstellplatz am Pfingstknapp belegt ist, muss sich der Papa einen Parkplatz möglichst nah der Schule suchen. Der Haupteingang ist für Amelie tabu – dort versperrt eine Treppe den Weg. So muss sie mit ihrem Rolli um das gesamte Schulgebäude fahren und erreicht schließlich über den Pausenhof die einzige Rampe. Und die ist ziemlich steil. „Sie entspricht nicht den heutigen Standards“, sagt die Rektorin. Der Weg nach oben ist mühselig, gut, dass Amelie ein kräftiges Mädchen mit starken Armen ist. Auch der Musikraum ist nur schwer zu erreichen Nach Schulschluss geht es auf diesem Weg wieder zurück. Wenn die Elfjährige nicht kräftig bremst, besteht die Gefahr, dass der Rollstuhl mit großer Wucht gegen die Tür kracht, die sich knapp einen Meter vor der Rampe befindet. Auch der Musikraum ist für Amelie nur über große Umwege zu erreichen: Denn dieser befindet sich im Keller der Erprobungsstufe, der von der Kardinal-von-Galen-Schule genutzt wird. Nicole Moré: „Wir gucken schon vorher immer, ob es regnet“. Amelies Krankheit erfordert immer wieder neue Operationen und lange Reha-Aufenthalte. Deswegen kommt es regelmäßig zu längeren Fehlzeiten. Das hat Lerndefizite zur Folge. „Allen Problemen zum Trotz ist Amelie ein lebensfroher Mensch. Ich bin unendlich dankbar, dass wir in einem so engen und vertrauensvollen Dialog mit den Eltern stehen“, so Monika Scharf.

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