Halle Unheiliges Phänomen

Er schmachtet, brüllt und scheidet die Geister: Der Graf krönt das "Sing a Song"-Abschlusskonzert in Halle

5.200 Besucher beim Finale von Sing a Song in Halle - © Halle
5.200 Besucher beim Finale von Sing a Song in Halle | © Halle

Halle. Thomas Stradinger vergöttert den Mann im schwarzen Anzug. Aus der Nähe von Stuttgart ist er ins Gerry-Weber-Stadion gekommen – alles für den "Grafen". Jedes Konzert von Unheilig hat Stradinger dieses Jahr besucht. Warum? "Das kann man nicht erklären", sagt er. Nur fühlen. Die ersten Klänge von Unheilig wummern schon durch Mark und Bein.

Als der Graf auf die Bühne stürmt, rasten sie aus: Die Fans in schwarzen Unheilig-T-Shirts genauso wie Paare jenseits der 50 Jahre in locker-edler Kleidung, wie sie der Hallen-Besitzer verkauft. Der Schlagzeuger hämmert, was das Trommelfell hält. Dutzende Kerzen brennen auf der Bühne. Der Graf singt die ersten Zeilen: "Könnt ihr die Wärme fühlen? Könnt ihr den Herzschlag hören?"
Bis in die obersten Ränge sind Zuschauer von den Sitzen aufgesprungen. "Könnt ihr die Freiheit fühlen?

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Könnt ihr die Menschen hören?", dröhnt der Graf ins Mikrofon. Er hat die Halle mit 5.200 Zuschauer fest im Griff. Viele haben vier Stunden gewartet, um ihn zu sehen. Wobei es vorher nicht an Unterhaltung gefehlt hat. Für das Abschlusskonzert des Gesangswettbewerbs "Sing a Song 2012" haben die Veranstalter einen Musikmarathon zusammengestellt.

Das große Sing a Song Finale in Halle. - © FOTO: REIMAR OTT
Das große Sing a Song Finale in Halle. | © FOTO: REIMAR OTT

Die zehn Casting-Finalisten von zwölf westfälischen Lokalradios absolvieren im Vorprogramm ihre Reifeprüfung. Gesangstrainerin Rubina Gudbjörnsson steht nervös vor der Bühne. Aber ihre Schützlinge legen, begleitet von der Big Band der Bundeswehr – die bemerkenswert unsteif rocken kann –, eine souveräne Show hin.
Hinter den Kulissen fließen später ein paar Tränen. "Wir sind richtig zusammengewachsen", sagt Finalist Alessio Loriga aus Bielefeld. Es soll weiter gehen, für manche zusammen, für einige alleine. Der Traum von der Popkarriere: Ein Vorbild wirbelt anschließend über die Bühne. Stefanie Heinzmann, vor vier Jahren von Stefan Raab entdeckt, hat schon Gold- und Platinplatten zu Hause. Aber der Star des Abends spielt noch in einer ganz anderen Liga.

Der Graf: Vor seinem Auftritt haben die Mitglieder eines Unheilig-Fanclubs sich die erste Reihe gesichert. Sie zeigen Fotos auf ihren Handys von sich und dem Grafen, der seinen bürgerlichen Namen geheim hält. "Wenn wir ihn wüssten, würden wir ihn nicht verraten", versichert Thomas Stradinger. Seine Leidenschaft verstünden viele nicht. "Einfach mal live sehen", sagt Barbara Schröder aus Berlin. Dann sei man schlauer, verspricht sie. Auf dem T-Shirt eines Fans steht: "Ich werde da sein für die, die du liebst." Unbedarfte könnten glauben, gleich betrete Jesus die Bühne.

Aber überirdisch am Grafen erscheint nur sein Erfolg. Seine Alben brechen Verkaufsrekorde. Dabei scheiden sich an der Musik die Geister. "Erzähl mir Deinen Traum vom Glück. Was war Dein schönster Augenblick?", schmachtet der Mann mit der Glatze und dem Kinnbart. Kitsch oder Kunst? Das düster-melancholische Klanggewitter löst jedenfalls bei Anhängern Dauergänsehaut aus.
Für fast 90 Minuten singen erwachsene Männer, Freundin oder Frau im Arm, jede Zeile mit. Immer wieder pickt der Graf mit Gesten einzelne Fans heraus, winkt, wirft Kusshände, drückt die Hand auf sein Herz. Und entlässt am Ende restlos begeisterte Menschen nach Hause.
      

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