Die Jugendlichen nehmen lieber über den Weg über die Kisten.
Die Jugendlichen nehmen lieber über den Weg über die Kisten.

GÜTERSLOH Jedes Hindernis ist willkommen

Trendsport Parkour: Jugendliche aus ganz Deutschland machen Gütersloher Schulhof zum Wettkampfareal

VON HENRIK MARTINSCHLEDDE

Gütersloh. Aufs Dach steigen lässt sich niemand gerne. Dem schwarzen Ford Fiesta, der am Wochenende beim 4. Parkour-Camp auf dem Hof der Janusz-Korczak-Gesamtschule steht, geht es allerdings wie "Karl dem Käfer" aus dem alten Protestschlager: Er wurde nicht gefragt. Ein Paar Füße nach dem anderen rammt sich springender Weise in seine Karosse, bis das ehemals glatte Metall eine badewannentiefe Delle aufweist.

Der Kleinwagen mimt eines der zahlreichen Hindernisse, an denen sich die über 200 jugendlichen Trendsportler aus ganz Deutschland an den drei Tagen ausprobieren. Bei der aus Frankreich stammenden Sportart geht es nämlich in erster Linie darum, solche Hindernisse nicht zu umkurven, sondern möglichst formvollendet zu überwinden. Der kürzeste Weg ist quasi das Ziel.

Trainiert wird draußen. Als Übungsgerät kommt alles in Frage, was in der urbanen Landschaft herumsteht und nicht kaputt gehen kann. "Deswegen springen wir normalerweise nicht auf Autos, aber wo der Schrottwagen hier schon mal steht, macht das natürlich richtig Spaß", hüpft Dennis lachend von der Motorhaube. Der 13-Jährige ist für das Camp extra aus Göttingen nach Gütersloh gekommen, und der Weg habe sich gelohnt. "So viele Parkour-Sportler gibt es ja nicht, und wenn dann 200 zusammenkommen, sind immer viele dabei, von denen ich neue Tricks lernen kann", schaut er bewundernd zu den älteren Cracks herüber, die nebenan von drei Meter hohen Holzkisten springen, dabei Salti und Pirouetten drehen, sich an Baugerüsten entlang hangeln oder die noch höher gelegene Feuertreppe aus Spielwiese nutzen: Übers Geländer, ab durch die Luft, rauf auf die Kiste, runter auf die nächste und dann per Überschlag auf den Asphalt.

Manchmal klappt so ein Trick aber auch nicht. Ausgelacht wird dann keiner. "Der Sport ist hart, die Atmosphäre aber trotzdem locker und entspannt. Das ist auch so eine Sache, die Parkour ausmacht. Es ist mehr ein Miteinander als ein Wettkampf", umschreibt Niko (16) aus Berlin-Spandau, der gerade in der Sporthalle der Schule an seiner Salto-Technik feilt. "Ja, Ärger hatten wir hier noch nie. Der Sport schlaucht schon genug", hat Organisator Björn Otto, Sozialpädagoge vom Jugendtreff "Bauteil 5" und Initiator der Gütersloher Parkour-Szene, seine eigene Erklärung für die ruhige, konzentrierte Stimmung im Camp. "Nach außen sieht die Sache natürlich etwas chaotisch aus, aber um solche Übungen hinzubekommen, braucht es Disziplin, regelmäßiges intensives Training und eine ausgeprägte körperliche Fitness", erläutert er.

Deswegen stehen am Wochenende auch einige Workshops in der Sporthalle auf dem Programm. Am Samstagnachmittag sorgt der Bielefelder Trainer Maxim Tergassim, den alle nur Gummi-Max nennen, dafür, dass in der Halle der Schweiß in Strömen fließt.Max macht es vor, die anderen machen es nach. So einfach ist das - in der Theorie. In der Praxis tut das, was Max da vormacht, zum Teil schon beim Zuschauen weh. Beine hinter den Nacken, Spagat, Unterschenkel neben den Oberschenkel - der Mann ist ein Dehnungswunder. Trotzdem geben alle ihr Bestes, um die Übungen auch hinzubekommen.Parkour bedeutet eben auch, immer wieder die eigenen Grenzen zu überwinden, was sich an diesem Wochenende immer wieder zeigt.

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