Gütersloh Wenn Brandstiftung zum Ventil wird

Feuerserie im Rhedaer Forst: Psychologe unterscheidet bei den Motiven zwischen Lust- und Frusttätern

Gütersloh. Der Feuerteufel gibt seit einigen Tagen Ruhe - Polizei und Brandexperten nicht. Was treibt einen Brandstifter an, welche Verhaltensmuster sind typisch, hört ein Serientäter von alleine auf? Auch solche Fragen sind es, die in diesen Tagen Polizei und Bürger beschäftigen. Der Berliner Diplom-Psychologe und Buchautor Winfried Barnett forscht seit Jahren auf diesem Gebiet. Barnett sagte gestern im NW-Gespräch, nur jede dritte Brandstiftung werde aufgeklärt. Die Motive der Täter seien völlig unterschiedlich. Die häufigsten seien (in absteigender Reihenfolge): Versicherungsbetrug, Rache sowie Verdeckung einer anderen Straftat. Sie deckten zwei Drittel aller Brandstiftungen ab. Ihre Taten seien folglich äußerst zielgerichteter Natur. Für das verbleibende Drittel könne man das weniger behaupten. "Für diese Gruppe sind in der kriminologischen und psychiatrischen Literatur über hundert, zum Teil sehr spezielle Motive beschrieben." Eine spezielle Erkrankung, als deren Folge oder Symptom Feuer gelegt werde, gebe es nicht. Die Feststellung, ein Brandstifter leide unter Pyromanie, sei ähnlich sinnvoll wie die, ein Mörder leide unter "Umbringeritis". In seinem 2005 erschienenen Buch beschreibt Barnett gleichwohl eine Reihe von Diagnosemerkmalen - Persönlichkeitsstörungen, verschiedene psychiatrische Erkrankungen, Mangel an Impulskontrolle, Intelligenzminderung. Es sei unmöglich, von einem einzigen, typischen Krankheitsbild zu sprechen. Brandstiftung habe unendliche viele Facetten, mithin auch die Ursachen dafür. Barnett sagte, man könne allerdings - salopp formuliert - unterscheiden zwischen Frust- und Lusttätern. Frusttäter seien "Delinquenten, die sich mit Hilfe einer Brandstiftung von allen möglichen Unlustgefühlen befreien", Lusttäter solche, die ihre Taten "aus Freude am Feuer begehen", die Brände mit ihren Handys filmen und sich an ihnen ergötzen. Die zweite Gruppe befinde sich oft an der Grenze zum Schwachsinn. Bei den Frusttätern gehe es oft zunächst nur um eine akute Unzufriedenheit mit der Lebenssituation. Der eine schlage aus Wut eine Scheibe ein, der andere zünde eben ein Haus an. Werde der Täter nicht gefasst, bestehe die Gefahr, dass er Brandstiftung fortan als Problemlösungsmuster begreife, "als Ventil für den Frustabbau". Der Erst- werde zum Serientäter. Dass er Menschen gefährde und große Schäden anrichte, verdränge er mehr und mehr. Das Feuer diene ihm zur Regulation emotionaler Spannungen. Lusttäter seien in der Regel jünger. Oft seien sie unter 20 Jahre alt und auf verschiedene Weise unreif. Manche von ihnen haben laut Barnett eine feuerspezifische Lerngeschichte, "eine einschneidende Kindheitserfahrung im Zusammenhang mit Feuer". Entwicklungsgestörte seien darunter, Minderintelligente, Bettnässer. Außerdem, so Barnett, gebe es die Gruppe der Nachahmungstäter, der Trittbrettfahrer. Sie seien "stolz, es in die Zeitung geschafft zu haben" und legten gerne Sammlungen mit Presseberichten über ihre Taten an. Der Hang zur Brandstiftung ist laut Barnett therapierbar, bei Lusttätern leichter als bei Frusttätern. Dafür komme das gesamte Arsenal verhaltenstherapeutischer Methoden in Frage - "angesichts der verschiedenen Ausprägungen gestörten Verhaltens liegt das auf der Hand". Pathologische Serienbrandstifter landeten in aller Regel in der forensischen Psychiatrie. Barnett sagte, es sei freilich auch denkbar, dass die Gütersloher Brandserie bereits ihr Ende gefunden habe. In Berlin beispielsweise habe ein arbeitsloser "Frust-Täter" mit dem Brandlegen aufgehört, nachdem er eine Arbeit gefunden hatte. Ohne Probleme kein Feuer mehr.

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