RHEDA-WIEDENBRÜCK Verwirrter schießt auf türkisches Lebensmittelgeschäft

Täter trug Sprengstoff am Körper und eine Hakenkreuzbinde

Der Täter (im Hintergrund) wurde von einer Überwachungskamera im Bahnhof von Rheda-Wiedenbrück gefilmt. - © FOTO: POLIZEI
Der Täter (im Hintergrund) wurde von einer Überwachungskamera im Bahnhof von Rheda-Wiedenbrück gefilmt. | © FOTO: POLIZEI

Bielefeld/Gütersloh/Rheda-Wiedenbrück Die Ziffernfolge endet jenseits der 40. Fast jeder Zahlenreiter markiert eine messingfarbene Patronenhülse. Die Spuren der nächtlichen Schießorgie hat die Polizei minutiös gesichert, ihre Lage auf dem Asphalt mit Sprühlack markiert. Dem 27 Jahre alten mutmaßlichen Schützen, war seine Hinterlassenschaft offensichtlich egal. Deutlich markieren die Hülsen Matthias G’s. Weg über den Bahnhofsvorplatz hin zum kleinen türkischen Markt an der Bahnhofstraße 1 – die Tür ist geborsten die Scheiben von Projektilen durchlöchert.

"Der hatte eine Kalaschnikow", erklärt ein selbsternannter Augenzeuge vor einer Fernsehkamera. "Stimmt nicht – es waren zwei Karabiner und keine automatischen Waffen", korrigiert Polizeisprecherin Corinna Koptik die Nachfrage eines Journalisten.

Gegen 1.40 Uhr begann die Ballerei auf dem Bahnhofsvorplatz. Mit Schüssen aus zwei Langwaffen riss der Täter Anwohner aus dem Schlaf. 14 Stunden später sichern sichtlich frierende Beamte mit großem LKA-Schriftzug auf dem Rücken noch immer die Spuren, ein Hubschrauber dokumentiert aus der Luft den Tatort. Fassungslos die Köpfe schüttelnd steht das Inhaberehepaar vor ihrem zerschossenen Mini-Markt, bevor Beamte die beiden zur provisorischen Einsatzzentrale hinter die Absperrung geleiten. Im gleichen Haus ist auch der "Türkisch-Deutsche Hilfsverein" untergebracht. Für dessen Vorsitzenden Ersin Demirci steht fest: "Das war die Tat eines Rechtsextremen."

Medienwelle zur Zwickauer Neonazi-Terrorzelle

Das sieht die Polizei anders "Es sieht eher so aus, als wolle der Täter auf der Medienwelle im Zusammenhang mit der Zwickauer Neonazi-Terrorzelle schwimmen", sagt Koptik. Bevor er seine Waffen durchlud, verständigte er die Polizei von seinem Vorhaben. Er habe sich umbringen wollen, erklärt Matthias G. den Beamten nach der Festnahme. Die Waffen habe er dabei, falls der selbstgebastelte Sprengstoff, den er in kleinen Päckchen am Körper trug, nicht detoniert wäre.

Viele Polizisten wärmen sich am Kaffeebecher und sichern rigoros die großräumige Absperrung. "Das ist wohl ein Ladestreifen", sagt ein Polizist und deutet auf ein Relikt aus Presspappe, das wohl die Patronen hielt, um dem Schützen eine schnellere Schussfolge zu ermöglichen.

"Da ist schon ein Auto drüber gerollt", sagt der Beamte, " doch davon gibt es noch mehr." Der 27-Jährige, der in der Nähe des Tatorts wohnt, war mit seinem Fahrrad zunächst zu einer Stelle an der Ems gefahren. Dort versenkte er sein Rad und einen Rucksack. Danach lief er zu Fuß über den Bahndamm zum Bahnhof und schoss dabei mehrmals in die Luft und auf Schilder. Später fand die Polizei das Rad, einen Rucksack mit Sprengstoffzubehör und einen mit Runen besetzten Helm der Waffen-SS.

Hakenkreuzbinde am Oberarm

Eine Hakenkreuzbinde soll der Wiedenbrücker am Oberarm getragen haben, als er begann, Projektile durch die Nacht zu jagen. Zwei Passanten hielten sich in der Nähe auf, einer erlitt ein Knalltrauma. Ob Matthias G. gezielt geschossen hat, weiß die Polizei noch nicht. Obwohl er einen Abschiedsbrief hinterließ , bat er die Polizei vor der Tat ihn nicht zu erschießen.

Matthias G. befindet sich laut Polizei seit längerer Zeit in psychischer Behandlung. Noch am Vorabend der Tat habe eine Frau sein Werben zurückgewiesen, berichtetet er den Beamten . Dieses Erlebnis habe seine Seelenpein gesteigert.

Information

Polizei sucht jungen Zeugen

Am Dienstagabend gab die Polizei bekannt, dass sie einen wichtigen Zeugen sucht, der unbewusst Beweismittel an sich genommen haben könnte. Der Festgenommene hat sich nach bisherigen Ermittlungen kurze Zeit vor den Schüssen im Bereich einer Brücke aufgehalten, die die Ems überquert. Diese liegt aus Richtung Bahnhof gesehen etwa 700 Meter in nördlicher Richtung. Von der Böschung des dort verlaufenden Gleises aus versuchte sich der Matthias G. verschiedener Gegenstände zu entledigen, die er teilweise bis in die Ems warf. Ein Großteil davon wurde im Laufe des Tages sichergestellt.
Nach Zeugenaussagen sollen vor 9 Uhr mehrere CDs in dem Böschungsbereich des unterhalb der Brücke verlaufenden Fuß- und Radweges gelegen haben. Diese stehen möglicherweise in einem Zusammenhang mit der Tat. Gegen 9 Uhr soll ein dunkel gekleideter, etwa 16 Jahre alter Junge die CDs aufgesammelt und mitgenommen haben. Dieser Zeuge oder andere Personen, die Hinweise geben können, werden dringend gebeten, sich mit der Polizei Bielefeld unter der Rufnummer (05 21) 5 45 0 in Verbindung zu setzen.

Copyright © Neue Westfälische 2017
Texte und Fotos von nw.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Die Kommentarfunktion für diesen Artikel ist deaktiviert.

nw.de bietet Ihnen unter vielen Artikeln und Themen die Gelegenheit, Ihre Meinung abzugeben, mit anderen registrierten Nutzern zu diskutieren und sich zu streiten. nw.de ist jedoch kein Forum für Beleidigungen, Unterstellungen, Diskriminierungen und rassistische Bemerkungen. Deshalb schalten wir bei Artikeln über Prozesse, Straftaten, Demonstrationen von rechts- und linksradikalen Gruppen, Flüchtlinge usw. die Kommentarfunktion aus. Näheres dazu lesen Sie in unseren Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion (Netiquette) und in dem Kommentar unseres Chefredakteurs Thomas Seim zur Meinungsfreiheit im Forum der NW.

realisiert durch evolver group