Juniorchef: André Rau, seines Zeichens Kammer-, Landes- und 3. Bundessieger, hat sein Handwerk von der Pike auf gelernt. Der 26-Jährige liebt seine Arbeit, weiß aber auch um das schlechte Image, das der Beruf hat. - © Michael Schuh
Juniorchef: André Rau, seines Zeichens Kammer-, Landes- und 3. Bundessieger, hat sein Handwerk von der Pike auf gelernt. Der 26-Jährige liebt seine Arbeit, weiß aber auch um das schlechte Image, das der Beruf hat. | © Michael Schuh

Gütersloh Diese Fleischerei sucht seit 15 Jahren einen Auszubildenden

Metzgereien fehlt der Nachwuchs - obwohl der Beruf "eine Menge zu bieten hat"

Michael Schuh

Gütersloh. Trotz der steigenden Zahl an Vegetariern ist und bleibt Fleisch der Deutschen liebste Speise. Rund 60 Kilo verzehrt jeder Bürger zwischen Flensburg und Passau im Durchschnitt pro Jahr. Und trotzdem tut sich ein Problem auf: Wer sorgt künftig dafür, dass die Wurst und das Schnitzel auf den Teller kommen? Denn die Fleischerinnung hat ein massives Nachwuchsproblem, wovon Metzgermeister Uwe Rau ein Lied singen kann. Liebend gerne würde er einen Auszubildenden einstellen, doch 15 Jahre sind mittlerweile vergangen, seit der letzte Lehrling in dem Isselhorster Traditionsbetrieb arbeitete. Der Grund: Es bewirbt sich schlichtweg niemand. Vor genau 40 Jahren eröffnete Uwe Raus Vater Ernst den Betrieb an der Steinhagener Straße; schon damals gehörte der heute 58-jährige Uwe Rau dem Familienunternehmen an, sein Sohn André setzt die Tradition heute als Juniorchef fort. Nach dem letzten Lehrling gefragt, muss der 26-Jährige allerdings überlegen: "Da war ich selbst noch ein Kind." Was keineswegs daran liegt, dass in dem Betrieb kein Bedarf an Azubis bestünde, erläutert Uwe Rau: "Ich würde ja regelmäßig jemanden einstellen, aber wir finden einfach niemanden. Obwohl wir die offenen Stellen auf unserer Internetseite ankündigen und sie auch bei der Agentur für Arbeit und der Handwerkskammer gemeldet haben, erhalten wir keine Bewerbungen. Die Arbeit am Computer ist bei jungen Menschen offenbar viel gefragter." Dabei haben die Raus einem Azubi eine Menge zu bieten: Vater Uwe kann langjährige Erfahrung und eine ganze Reihe an Auszeichnungen für die eigenen Produkte in die Waagschale werfen - ebenso wie Sohn André, seines Zeichens Kammer-, Landes- und 3. Bundessieger. "Und es ist wirklich ein schöner Beruf, in dem man sehr kreativ sein kann", sagt der 26-Jährige, der den Meistertitel schon seit Jahren in der Tasche hat. Woran liegt's also, dass sich kaum jemand für das altehrwürdige Handwerk interessiert? "Ich glaube, unser Beruf hat ein schlechtes Image", sagt André Rau, "der Verband hat lange versäumt, etwas dagegen zu tun." Viele junge Menschen würden die Tätigkeit vor allem mit Wasser und Kälte verbinden, fügt Vater Uwe hinzu: "Und wo mit rohem Fleisch gearbeitet wird, ist es natürlich häufiger kühler als im Büro." Dass Produktentwicklung oder Ernährungsberatung aber ebenfalls wichtige Berufsbilder sind, wüssten nur wenige. Generell habe sich die Fleischer-Ausbildung verändert und bestehe heute aus den sechs Bereichen Wurstproduktion, Verkauf, Schlachtung, Küchengerichte, Konserven und Verpackung, die ein Lehrling aber nicht alle durchlaufen müsse. "Wir schlachten zwar noch selbst", sagt Uwe Rau, "aber wenn ein Auszubildender dieses Modul nicht wählen möchte, dann braucht er das auch nicht." Sohn André kann nicht recht nachvollziehen, dass ein Großteil der Realschüler mit Qualifikation weiter zur Schule geht, um das Abitur zu machen. Denn wer eine Ausbildung als Fleischer abgeschlossen habe und noch drei Monate für eine erfolgreiche Meisterprüfung aufbringe, könne ebenfalls studieren: "Dann hat man nicht nur das Abi, sondern zudem viel Berufserfahrung." Ein Qualitätsmerkmal, das auch für Jobs in der Industrie eine große Rolle spiele. Doch nicht nur an Metzger-Azubis mangelt es, auch der Beruf der Fleischerei-Fachverkäuferin stößt nur noch auf wenig Interesse. Die ausgeschriebene Ausbildungsstelle konnte in dem Isselhorster Betrieb ebenfalls nicht besetzt werden. Und das, sagt André Rau, obwohl das Arbeitsamt mitgeteilt habe, dass sich 25 Jobsuchende bei ihnen bewerben würden. "Tatsächlich sind genau drei schriftliche Bewerbungen bei uns eingegangen. Einmal ging es darin um eine Lagertätigkeit, die wir gar nicht angeboten haben, bei einer weiteren sah man aufgrund der vielen Fehler sofort, dass die junge Frau die Stelle gar nicht haben wollte. Und im dritten Fall war das Schreiben alt und zerknittert; die Bewerberin hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, ein neues aufzusetzen." Das Ende vom Lied: Es kam zu keinem Vorstellungsgespräch. Nichtsdestotrotz hatten die Isselhorster Glück im Unglück. Denn nach den Sommerferien fanden sie gleich zwei ausgebildete Verkäuferinnen, die nun in dem Familienunternehmen arbeiten und so dafür sorgen, dass die Fleischerei ihre Öffnungszeiten wieder ausweiten konnte. "Ansonsten", weiß André Rau, "wäre die Existenz unseres Geschäfts auf Dauer gefährdet gewesen." Und das keineswegs wegen fehlender Kundschaft: "Die ist da, denn mittlerweile achten mehr Menschen auf Qualität und Herkunft beim Fleisch." Aber ohne Personal geht?s nun mal nicht. Das weiß auch Fleischermeister Jörg Reinhold Wegner, Mitglied des Innungs-Vorstands. "Ich glaube, wir haben in unserer Branche alle das gleiche Problem", sagt der Rietberger, "auch ich würde gerne eine Verkäuferin einstellen - finde aber keine." Die Flinte ins Korn werfen will Wegner indes nicht: "Wir bleiben am Ball."

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