Bunte Auswahl: Die Liste der möglichen Jugendwörter des Jahres ist lang. Mit den meisten Ausdrücken können die Jugendlichen aber nichts anfangen. Auch mit Definition sind nicht alle Wörter einleuchtend. - © Andreas Frücht
Bunte Auswahl: Die Liste der möglichen Jugendwörter des Jahres ist lang. Mit den meisten Ausdrücken können die Jugendlichen aber nichts anfangen. Auch mit Definition sind nicht alle Wörter einleuchtend. | © Andreas Frücht

Gütersloh Jugendwort des Jahres wird gesucht - doch Jugendliche kennen Vorschläge gar nicht

Am 17. November kürt der Langenscheidt Verlag den Gewinner

Lena Vanessa Niewald

Gütersloh. Teilzeit-Tarzan, schatzlos, sozialtot: Als die 16-jährige Jennifer Jones diese Wörter hört, lacht sie laut los. Die Liste mit den dreißig Jugendwörtern des Jahres liegt vor ihr auf dem Tisch. Erstmal ohne Definition. "Und so soll ich angeblich sprechen?", sagt sie und runzelt die Stirn. Jedes Jahr kürt der Langenscheidt Verlag das Jugendwort des Jahres. Bevor sich eine Jury letztlich für das Wort entscheidet, gibt?s online eine Vorauswahl zur Abstimmung. Doch ein Blick auf diese Liste, ruft bei vielen Jugendlichen eher Achselzucken statt Kopfnicken hervor - so auch bei Jennifer. Sozialtot ist das erste Wort, das ihr ins Auge fällt. "Was soll das heißen? Dass jemand keinen Kontakt zu anderen hat und die ganze Zeit nur zuhause bleibt?". Fehlanzeige. Langenscheidt sagt, jemand ist soziatot, wenn er nicht in sozialen Netzwerken angemeldet ist. Nächster Versuch, selfiecide. Jennifer lacht. "Gut, dass es irgendwas mit Selfies sein muss, ist klar. Vielleicht eine Seite, auf der man nur Selfies hochladen kann?" Fehlanzeige. Langenscheidt sagt, ein selfiecide ist der Tod durch den Versuch, ein Selfie zu machen. Jennifer zuckt mit den Achseln. "Wenn ich ehrlich bin, habe ich eigentlich kaum ein Wort davon jemals gehört", sagt sie. Geschweige denn habe sie die Wörter jemals selbst benutzt. Höchstens habe sie vereinzelt Ausdrücke bei Facebook Posts gesehen. Das sei es dann aber auch schon gewesen mit den Berührungspunkten. Dem 14-jährigen Lukas geht es ähnlich. "Diese Wörter benutze ich doch nie im Leben", sagt er und verdreht die Augen. Nur bei dem Vorschlag "Textmarkeraugenbrauen" muss er grinsen. Klar wisse er, was das bedeute. Damit seien doch mit Sicherheit die Frauen gemeint, die sich die Augenbrauen "so fett" nachmalen. Die Definition gibt Lukas recht. "Starkbetonte, akkurate Balken" sind es laut Langenscheidt. Auch die Neuntklässlerin Melisa kann mit der langen Liste von angeblichen Jugendwörtern nichts anfangen. Bei dem Wort "gefresht" hellt sich Melisas Blick aber auf. "Ja, das kenne ich. Das hört man tatsächlich oft", sagt die 9. Klässlerin. Als sie wenig später aber die Definition liest, zuckt sie nur mit den Achseln. Laut Langenscheidt bedeutet "gefresht", dass jemand keinen Durst hat. Melisa kennt das Wort allerdings in anderen Zusammenhängen. "Für mich ist das ein anderer Ausdruck für cool." Es ist nicht das erste Jahr, in dem die Vorschläge von Langenscheidt bei Jugendlichen für Fragezeichen im Gesicht sorgt. Gabriele Becker, Pressesprecherin vom Langenscheidt Verlag in München, erklärt aber: "Die Wörter werden von Jugendlichen eingereicht. Eine allumfassende Jugendsprache gibt es aber in diesem Sinne nicht. Viel mehr kann man Jugendsprache mit Dialekten vergleichen: Was Jugendliche in Hamburg auf dem Pausenhof sprechen, kann für Münchner Teens vollkommen unbekannt sein. Trotzdem können sie sich in den meisten Fällen vorstellen, was gemeint sein könnte." Dass die meisten Vorschläge von der englischen Sprache beeinflusst sind, ist für Becker nicht ungewöhnlich. Das liege auf der Hand, meint die Pressesprecherin. "Englisch ist die Fremdsprache Nummer eins und somit auch für Jugendliche wichtig im Alltag - vor allem in Zeiten der globalen Vernetzung zeigt sich, dass viel auf Englisch kommuniziert wird". Auch in Songtexten, auf Blogs und in Computerspielen würden die Jugendlichen mit Englisch konfrontiert werden, so die Pressesprecherin. Infolgedessen würden sie einzelne Wörter häufig in ihren Wortschatz integrieren. Dass sie uns ihre Freunde andere Wörter benutzen als ihre Eltern, das will Jennifer auch gar nicht abstreiten. Ihr fällt auf Anhieb, "locker" ein. "Ich würde zwar sagen, ich selbst verwende es nicht so häufig, aber höre es im Freundeskreis oft. Eigentlich in vielen Zusammenhängen." Wenn jemand frage, ob alles okay sei, könne man zum Beispiel statt "ja" auch "locker" sagen. Dass sie eines der angeblichen Jugendwörter demnächst öfter hören wird, daran glaubt Jennifer aber definitiv nicht.

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