Außer Kontrolle: Etwa ein Prozent der Bevölkerung gilt in Deutschland als Internet- und Glücksspielabhängig. Betroffene können sich beispielsweise bei der Koordinierungsstelle Glücksspielsucht des Landes NRW Hilfe holen. - © DPA/Oliver Berg
Außer Kontrolle: Etwa ein Prozent der Bevölkerung gilt in Deutschland als Internet- und Glücksspielabhängig. Betroffene können sich beispielsweise bei der Koordinierungsstelle Glücksspielsucht des Landes NRW Hilfe holen. | © DPA/Oliver Berg

Gütersloh Wenn das Handy zur Sucht wird

Der Übergang zwischen einer normalen und einer krankhaften Nutzung von Medien ist fließend

Rolf Birkholz

Gütersloh. Kann das dauernde Starren aufs Smart-phone zur Sucht werden? Wenn es nur um den Austausch mit der besten Freundin geht, muss das noch nicht beunruhigen. Verfolgt aber jemand auf diese Weise etwa den Stand seiner Sportwetten, kann das alarmierend sein. So lautet die Einschätzung von Suchtexperten, die sich jetzt zu gleich Fachtagungen in der Bernhard-Salzmann-Klinik trafen. Je rund 170 Teilnehmer beschäftigten sich mit den Themen "Verhaltenssüchte" und, beim "8. Symposium Medienabhängigkeit", mit eben solcher. Kontrollverlust, erfolglose Abstinenzversuche, eine bedenkliche psychosoziale Lage und der Rückzug aus dem gesellschaftlichen Leben signalisieren Dr. Klaus Wölfling zufolge auch bei Verhaltenssüchten wie der Spielsucht drohende Abhängigkeit. Der Psychologische Leiter der Spielsucht-Ambulanz an der Universitätsklinik Mainz sieht besonders beim Konsum von Online-Pornografie und bei der Beteiligung an Online-Sportwetten die Gefahr einer Pathologisierung. Solange jemand seine persönlichen, familiären Beziehungen noch aufrechterhalten und normal arbeiten könne, ist für Ulrike Dickenhorst, Therapeutische Leiterin der Salzmann-Klinik, noch alles im grünen Bereich. Solche Abhängigkeiten entstünden über einen längeren Zeitraum. Je etwa ein Prozent der Bevölkerung gälten als glücksspiel- oder internetabhängig, so Dr. Wölfling. Laut Dr. Ulrich Kemper, Chefarzt der Salzmann-Klinik, kann bei der Hälfte solcher stationär behandelten Patienten eine Symptomfreiheit, bei einem weiteren Viertel eine Verringerung erreicht werden. Wie Alkoholkranke den Alkohol sollen Glücksspielabhängige strikt entsprechend Automaten und Online-Wetten meiden. Bei einer Sucht nach PC-Rollenspielen gehe es darum, ein kontrolliertes Verhalten einzuüben und den Konsum zu regulieren. Gerade bei der leichter als andere Süchte zu verheimlichenden Spielsucht, mit dem auch ein lange unterschätztes "soziales Elend" verbunden sein könne, misst Dr. Kemper auch den Glücksspielgeräte-Herstellern Verantwortung zu. Nach Christian Groß, Suchttherapeut der Salzmann-Klinik, spielen zwar nur zwischen zwei und drei Prozent der Bevölkerung an Automaten. Ein unvergleichlich höherer Anteil dieser Gruppe finde sich dann aber unter den Patienten. Dr. Wölfling hofft, dass bald ein Spielerschutz gesetzlich verankert wird. Manchmal sind es auch Angehörige, die sich Sorgen machen. Diese weist Arne Rüger von der Bielefelder Landeskoordinierungsstelle Glücksspielsucht auf die kostenlos unter Tel. (0800) 0 77 66 11 erreichbare Info-Hotline hin. Online finden sich weitere Infos, auch über Hilfen für Angehörige. Denn, schreibt Ulrike Dickenhorst zu einem von ihr geleiteten Tagungs-Workshop: "Sucht ist eine Familienkrankheit." www.gluecksspielsucht.nrw.de

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