Im Gedenken an die Pogromnacht: Gütersloher Bürger gedachten am Synagogengedenkstein an der Daltropstraße/Ecke Feldstraße der Verfolgung der Juden.
 - © Andreas Frücht
Im Gedenken an die Pogromnacht: Gütersloher Bürger gedachten am Synagogengedenkstein an der Daltropstraße/Ecke Feldstraße der Verfolgung der Juden.
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Gütersloh Jüdische Gemeinde in Gütersloh bleibt wohl Utopie

Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde in Bielefeld: "Friedhof wichtiger als Synagoge"

Jeanette Salzmann

Gütersloh. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 brannte auch in Gütersloh die Synagoge. Jüdische Wohnhäuser wurden zerstört, Menschen gedemütigt, gequält und verfolgt - jüdische Mitbürger, die seit Generationen in Gütersloh ihre Heimat hatten. Die Strukturen der jüdischen Gemeinde sind seither zerstört. Interessiert horchte die Öffentlichkeit in diesen Tagen auf, als der Plan zur Neugründung einer jüdischen Gemeinde in Gütersloh bekannt wurde. "Die Frage, ob wir in Gütersloh eine Gemeinde hätten gründen sollen, hat sich nie gestellt", erläutert Irith Michelsohn, Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde Bielefeld. Zwölf Gütersloher Juden zähle die Bielefelder Gemeinde aktuell - zehn davon aus dem russischsprachigen Raum. "96 Prozent unserer 320 Mitglieder kommen aus der ehemaligen Sowjetunion", erklärt Michelsohn und ergänzt: "Deutsche Juden gibt es hier ganz einfach nicht mehr." Die Satzung der Bielefelder Gemeinde stammt aus dem Jahr 1954 und umfasst bis heute auch die Stadt und den Kreis Gütersloh. Mindestens zehn Personen, um einen Gottesdienst zu lesen Und wenn es sie doch gibt, die Menschen jüdischen Glaubens in Gütersloh, die nicht registriert sind, weil sie offiziell keiner Gemeinde angehören? "Dann könnte die Neugründung einer Gütersloher Gemeinde mit einer einfachen Vereinsgründung beginnen", meint Irith Michelsohn. Sieben Gründungsmitglieder wären notwendig. "Man braucht aber nach jüdischem Gesetz mindestens zehn Personen, um einen Gottesdienst lesen zu können", und weil immer mal jemand ausfalle, im Urlaub sei oder keine Lust habe, "braucht man realistischer Weise wohl mindestens 20 Personen, um über eine Neugründung nachdenken zu können." Um vom Landesverband Jüdischer Gemeinden in Westfalen-Lippe anerkannt und aufgenommen zu werden, bedarf es sogar 50 Gemeindemitglieder - und dies über einen Zeitraum von fünf Jahren. Erst dann besteht die Chance auf finanzielle Zuwendungen. "Denn die vorrangige Frage einer Gemeindegründung lautet: Wie soll das bezahlt werden?" Irith Michelsohn weiß, wie teuer die Strukturen einer Jüdischen Gemeinde sind. "Sie müssen einen Gebetsraum finden und bezahlen. Sie benötigen eine Tora-Rolle, die mit etwa 30.000 Euro zu Buche schlägt und der Rabbiner bekommt für den Freitagabend- und Samstagmorgen-Gottesdienst etwa 600 Euro." Die Bielefelder Gemeinde teilt sich aus finanziellen Gründen ihren Rabbi Dr. Henry Brandt, der deshalb nur einmal im Monat zur jüdischen Sabbatfeier anreist. Die anderen traditionellen Feiern werden durch einen Vorbeter geleistet. "Voraussetzung hierfür ist die Hebräische Sprache in Wort und Schrift", erklärt Michelsohn, die selbst qualifiziert ist, Gottesdienste abzuhalten. "Durch Mitgliedsbeiträge allein kann man das unmöglich stemmen." »Ich habe nichts gegen Konkurrenz in der Nachbarstadt« Insgesamt zehn Gemeinden in Westfalen gehören zum Landesverband Jüdischer Gemeinden in Westfalen-Lippe. Dieser wiederum ist einer von vier Landesverbänden in NRW, deren Existenz per Staatsvertrag gesichert ist. Rund 8 Millionen Euro fließen jährlich in die Landesverbände. Aufgeteilt wird nach Mitgliederzahlen. Allen voran Köln und Düsseldorf mit großen Kultusgemeinden. "Ich habe nichts gegen Konkurrenz in der Nachbarstadt", sagt Michelsohn vor diesem Hintergrund, "aber das wird in Gütersloh nicht klappen." Die Anerkennung durch den Landesverband sei ein langer Weg und verbunden mit einer Überprüfung aller Mitgliedsakten durch einen bestellten Rabbiner. »Jude ist nur, wer eine jüdische Mutter hat« "Jude ist nur, wer eine jüdische Mutter hat", und dies gelte es zu beweisen durch entsprechende Dokumente. "Natürlich kann man auch konvertieren", doch dieser Weg sei nicht minder umfassend. "Wir hatten in den letzten zwei Jahren in Bielefeld keinen Übertritt mehr." Die Bielefelder Kultusgemeinde gehört der "Union Progressive Juden" an und geht damit einen liberalen Weg. Herford hingegen ist orthodox. "Für eine jüdische Gemeinde, die sich gründet, müsste es übrigens wichtiger sein, einen Friedhof zu haben, als eine Synagoge", denn das jüdische Gesetz schreibe einen Platz auf Ewigkeit vor. "Bei uns wird ein Grab nicht nach 30 Jahren überbeerdigt", erläutert Michelsohn. Die Bielefelder Juden werden auf dem Johannisfriedhof bestattet. Aber wo sollten die Gütersloher hin? "Der jüdische Friedhof an der Böhmerstraße ist geschlossen. Der Friedhof in Rheda ebenfalls. Eine Öffnung ist nicht realistisch." Und so bleibt die Idee am Ende wohl eine Idee. Eine Synagoge wird es in Gütersloh nicht mehr geben.

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