Arbeit statt Schule: Fahrzeuglackierer-Azubi Dustin Sicking hat seinen Schritt ins Berufsleben nicht bereut. - © Michael Schuh
Arbeit statt Schule: Fahrzeuglackierer-Azubi Dustin Sicking hat seinen Schritt ins Berufsleben nicht bereut. | © Michael Schuh

Gütersloh Stichtag verpasst: Ausbildungen im Kreis Gütersloh sind trotzdem noch möglich

Gerade im Handwerk bieten sich jede Menge Möglichkeiten

Michael Schuh

Gütersloh. Es ist nie zu spät. Dieser eherne Grundsatz gilt besonders für Jugendliche, die noch keine Lehrstelle gefunden haben - obwohl fast alle Ausbildungen bereits am 1. August oder 1. Oktober begannen. "Denn tatsächlich gibt es keinen fixen Termin für den Beginn", räumt Friedhelm Drüner mit dem Vorurteil auf, wer jetzt noch keine Lehrstelle habe, müsse sich ein Jahr lang gedulden. "Theoretisch kann man auch am 24. Dezember anfangen", sagt der Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Gütersloh und macht somit allen Nachzüglern Mut. Aber es gibt noch eine zweite gute Nachricht: Kreisweit suchen zahlreiche Unternehmen der verschiedensten Branchen weiterhin händeringend nach Nachwuchs. Dustin Sicking redet nicht lange um den heißen Brei herum. "Ich habe mich nach der Schule einfach zu wenig um einen Ausbildungsplatz gekümmert", weiß der 17-jährige Gütersloher heute. Da in Nordrhein-Westfalen eine Schulpflicht bis zum 18. Lebensjahr besteht, musste Sicking nach dem Hauptschulabschluss ein Berufskolleg besuchen - obwohl er eigentlich lieber einen Beruf erlernt hätte. Als sein Lehrer dann Mitte September in der Klasse verkündete, die Autolackiererei Gerks suche noch einen Auszubildenden, erkannte Dustin die Chance und packte zu: Er schrieb umgehend eine Bewerbung, stellte sich in dem Meisterbetrieb von Thomas Gerks vor, absolvierte ein Praktikum - und hatte den Job. Tatsächlich startet das Gros der Auszubildenden am 1. August oder 1. September ins Berufsleben, da auf diese Daten die begleitenden Unterrichtseinheiten der Berufsschulen ausgerichtet sind. "Doch das sollte niemanden davon abhalten, sich jetzt noch zu bewerben", erläutert Drüner, "denn die Berufsschulen zeigen sich in solchen Fällen kooperativ. Wer wirklich eine Ausbildung machen möchte, für den findet sich eine Lösung, damit er sein Ziel erreicht." Immer vorausgesetzt, der Berufsanfänger ist bereit, den verpassten Stoff nachzuholen. Und das trifft auf Dustin Sicking, der aufgrund des verspäteten Berufsstarts gleich mehrere Schultage versäumt hatte, hundertprozentig zu. "Anfangs waren einige Begriffe, die im Unterricht fielen, für mich nicht schlüssig", erinnert sich der junge Mann. "Doch dann habe ich mich zu Hause hingesetzt, in die Bücher geschaut - und es ging." Vielleicht lag's ja auch ein Stück weit daran, dass sich der 17-Jährige schon seit geraumer Zeit für Autos interessiert und bei einem Schulpraktikum bereits erste Erfahrungen in der Kfz-Branche sammelte. Was keineswegs bedeuten soll, dass für junge Menschen mit anderen beruflichen Neigungen ein Späteinstieg nicht mehr möglich wäre. Denn gerade im Handwerk bieten sich jede Menge Möglichkeiten. "Vor allem in den Bereichen Klima, Elektro und Bau werden Auszubildende gesucht", weiß der Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft, "aber auch Bäcker oder Fleischer suchen Nachwuchs." Aber auch Jugendliche, die kein allzu großes Interesse am Handwerk zeigen, müssen den Kopf nicht in den Sand stecken. Denn es existiere eine Vielzahl an Alternativen an, weiß Jörg Deibert, Sprecher der Industrie- und Handelskammer Ostwestfalen: "Allein in unserem Sektor gibt es rund 350 verschiedene Berufe, von denen viele Menschen gerade einmal zehn kennen." Zudem habe sich die Situation in den vergangenen Jahren geändert: Während Betriebe, die Mechatroniker, Industriemechaniker, Industrie- oder Bankkaufleute ausbilden, noch immer ausreichend Bewerber verzeichneten, sei das in anderen Sparten längst nicht immer der Fall. "Speditionen suchen verzweifelt nach Berufskraftfahrern", so Deibert, "aber auch in der Gastronomie, im Hotelgewerbe oder im Einzelhandel fehlt es häufig an Auszubildenden." Gleiches gelte für mehrere Blaumannberufe wie den Verfahrensmechaniker für Kunststoff- und Kautschuktechnik, denen vielfach ein nicht sonderlich gutes Image anhinge. Dass diese Berufe unweigerlich mit Schmutz und Gestank einhergingen, sei jedoch ein Irrglaube: "Da hat man heutzutage sehr viel mit Hightech zu tun." Deshalb stößt Deibert ins selbe Horn wie Handwerks-Experte Friedhelm Drüner: "Bewerben Sie sich ruhig - auch jetzt noch." Möglichkeiten, den richtigen Ausbildungsplatz zu finden, gebe es schließlich genug: Sowohl die Industrie- und Handelskammer als auch die Kreishandwerkerschaft und die Agentur für Arbeit haben auf ihren Internetseiten spezielle Ausbildungsbörsen eingerichtet. Außerdem legt Jörg Deibert allen Suchenden ans Herz, Initiativbewerbungen zu schreiben oder einfach mal bei Betrieben in der Nähe nach einer Stelle zu fragen: "Oft kann derjenige dort dann ein Praktikum absolvieren. Und wenn's passt, beginnt vielleicht schon am 1. November die Ausbildung." Der 17-jährige Dustin Sicking hat es auf jeden Fall nicht bereut, noch ganz kurzfristig auf den Lehrzug aufzuspringen. "Anstatt in der Schule zu sitzen, mache ich nun etwas, wo ich sofort sehe, was dabei herauskommt", sagt der Fahrzeuglackierer in spe - und fügt nach einer kurzen Pause an: "Wer etwas erreichen will, muss seine Ziele verfolgen." Es ist eben nie zu spät.

realisiert durch evolver group