Das Ehepaar Sagui vor ihrem Eiscafé Agostinos an der Neuenkirchener Straße in Gütersloh. Welcher Tag genau ihr letzter sein wird, wissen sie noch nicht. - © Jens Dünhölter
Das Ehepaar Sagui vor ihrem Eiscafé Agostinos an der Neuenkirchener Straße in Gütersloh. Welcher Tag genau ihr letzter sein wird, wissen sie noch nicht. | © Jens Dünhölter

Gütersloh Eiscafé Dolomiti an der Neuenkirchener Straße macht endgültig zu

Jahr für Jahr kehrte das Ehepaar Sagui aus der Winterpause zurück nach Gütersloh.

Jens Dünhölter

Gütersloh. Spätestens Mitte Oktober schließen Anna (66) und Adriano Sagui (68) ihr italienisches Eiscafé Agostinos an der Neuenkirchener Straße, um die kalte Jahreszeit in ihrer deutlich wärmeren Heimat zu verbringen. Im Gegensatz zu den Vorjahren kehren die seit 2006 etablierten und beliebten Pächter der "Gelateria Dolomiti" - wie es auf den Karten heißt - allerdings Ende Februar nicht mehr aus dem norditalienischen Belluno in ihre mittlerweile angestammte Wahlheimat zurück. Die von ihrem Vorgänger und Namensgeber Agostinos 1981 aufgebaute Eisdiele steht zum Verkauf. Auf einer Immobilienplattform wird von der Eigentümerin unter den Stichworten "Interessante, gut gelegene Gewerbefläche für Eisdiele, Büro, Praxis" für das rund 80 Quadratmeter große Ladenlokal ein Kaufpreis von 200.000 Euro aufgerufen. "Wir gehen mit Tränen in den Augen" Die Stammkunden und Anwohner im Bereich Neuenkirchener Straße/ Heidewaldstraße verlieren durch die Schließung des Eiscafés einen beliebten Treffpunkt. Auch das Ehepaar Sagui sieht der Zukunft ohne Spaghetti-Eis, und Amarena-Becher sorgenvoll entgegen: "Wir gehen mit Tränen in den Augen, wir werden Gütersloh vermissen", sagt Adriano Sagui. "Eis machen war mein Leben. 45 Jahre lang hab ich mein Dorf im Sommer nicht gesehen. Was jetzt kommt, weiß ich nicht." Über das bevorstehende Ende seines Cafés möchte er nicht so richtig reden - und nachdenken schon gar nicht. Vorfreude auf den Ruhestand hört sich definitiv anders an. Zur Schließung führte eine unselige Vielfalt von Gründen. Denn eigentlich wollten die Saguis aus Altersgründen lediglich etwas kürzer treten. Dann aber plante der 32-jährige Sohn Diego, gemeinsam mit einer Freundin in Italien ein eigenes Eiscafé zu eröffnen - und die Eigentümerin der Räume an der Neuenkirchener Straße plante, die Immobilie zu veräußern statt sie weiter zu vermieten. Letztlich hatte "La Familia", die wohl oberste Instanz in Italien, das größte Gewicht, so dass der in Deutschland geborene Adriano Sagui schweren Herzens nach 52 Jahren die Eiskelle aus der Hand legt. Die Familie Sagui stammt aus "dem Tal der Eismacher in den Dolomiten", wie der passionierte Gelatieri feststellt. Schon vor mehr als 150 Jahren begannen die Menschen dort als Nebenerwerb mit Herstellung und Verkauf von Speiseeis. Damals sei die Eisherstellung Knochenarbeit gewesen, berichtet Adriano Sagui. Er ist ein absoluter Fachmann, kennt die Details der ersten "Gefrorenen Salons" der Jahrhundertwende, die Geschichte der Rezepte oder die ersten Schlager aus der Eistheke. Bereits als 14-Jähriger wurde er von seinen Eltern, die Eisdielen in Sundern und im Sauerland betrieben, in die Geheimnisse des laut Sagui "schönsten Berufs der Welt" eingeweiht. Nach 28 Jahren in der Eisdiele der Familie im Sauerland folgten nach einem kleinen Umweg weitere 22 gemeinsame Jahre mit seiner Frau Anna in einem eigenen Eiscafé in Lüdenscheid. Als die Geschäfte dort schlechter liefen, packte "La Familia" Eisgefäße und Apparaturen zusammen. 2006 siedelten sie in Gütersloh an. Im Schatten der mächtigen Eichen an der Neuenkirchener Straße fanden sie ihr kleines Paradies. "Es ist unheimlich schade - aber es geht nicht anders" Anna Sagui: "Es ist so schön hier. Die Gegend ist so toll, die Menschen so nett. Es ist unheimlich schade, dass wir gehen müssen - aber es geht nicht anders." Vier oder fünf Jahre würden sie den Betrieb wohl noch stemmen können. Doch ohne den Sohn, der das Geschäft ursprünglich weiterbetreiben sollte, sei dies ein Ding der Unmöglichkeit. "Mit 32 Jahren kann man ihn nicht festhalten", sind sich die Saguis einig. Die fristgerechte Kündigung zum 31. Dezember war deshalb unvermeidlich. Wann genau der letzte Becher über die Theke wandert, hängt von vielen Faktoren ab. "Vielleicht Ende der Woche, vielleicht nächste. Es ist viel zu tun. Wir müssen die ganze Einrichtung, alle Eismaschinen verkaufen", ringt Adriano Sagui um jeden einzelnen Tag. Die tagtäglich stattfindenden Abschiedsbesuche der treuen Stammgäste enden fast immer mit den selben Wort: "War ?ne tolle Zeit mit euch. Macht?s gut. Arrivederci - und Ciao für immer."

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