Spurensuche: Das Auto der 42-Jährigen landete mit dem gerammten Radfahrer im Vorgarten eines Wohnhauses. Polizisten dokumentierten bis tief in die Nacht Spuren des Unfalls. - © Andreas Eickhoff
Spurensuche: Das Auto der 42-Jährigen landete mit dem gerammten Radfahrer im Vorgarten eines Wohnhauses. Polizisten dokumentierten bis tief in die Nacht Spuren des Unfalls. | © Andreas Eickhoff

Gütersloh Tödlicher Radfahrer-Unfall: Angeklagte kommt straffrei davon

Im Sommer 2015 soll eine 42-Jährige mit überhöhter Geschwindigkeit einen Radfahrer erfasst haben

Rolf Birkholz

Gütersloh. Am 18. Juli 2015 kollidierte an der Kreuzung der Brockhäger Straße mit der Körner- und der Haegestraße eine Autofahrerin mit einem Radfahrer. Dabei trug der Radler tödliche Verletzungen davon. Weil die Fahrerin den Bereich zwar bei Grünlicht, aber mit überhöhter Geschwindigkeit gen Innenstadt überquert und dabei den querenden Radler erfasst habe, musste sie sich jetzt wegen fahrlässiger Tötung vor der Strafrichterin verantworten. Doch wurde das Verfahren nach mehr als vierstündiger Verhandlung vorläufig eingestellt. Denn elf Zeugenaussagen und zwei Sachverständigengutachten hatten Richterin und Staatsanwältin nicht von einer vermeidbaren Schuld der 42-jährigen Angeklagten überzeugen können. Diese selbst machte keine Angaben zur Sache. Ein Versuch, der als Nebenklägerin auftretenden Mutter des 23-jährigen Unfallopfers zu Beginn des Prozesses ihr Mitgefühl auszudrücken, scheiterte an emotionaler Blockade der Unglücksfahrerin, die ihrerseits unter den Folgen des Geschehens gelitten hatte. Unstrittig war es zum Unfallzeitpunkt gegen 22 Uhr noch recht hell, es herrschten normale Verkehrsverhältnisse. Ebenso klar wurde, dass die Signalanlage der Frau Grün, dem Radfahrer, der auf die Brockhäger Straße aus Autolenkersicht von Links nach Rechts offenbar Richtung Haegestraße fuhr, Rot anzeigte. Mehrere Zeugen sagten, dass der Pkw, der mit dem gerammten Radler schließlich in einem Vorgarten landete, schneller als die dort erlaubten 50 km/h unterwegs gewesen sei. Während der erste Gutachter eine Geschwindigkeit von 51 bis 63 km/h bei der Kollision annahm, ging der zweite von 64 bis 77 aus, bei entsprechend höherem Tempo vor der eingeleiteten Bremsung. Nach den Berechnungen des ersten Sachverständigen wäre der Zusammenprall allerdings auch bei Tempo 50 "nicht vermeidbar" gewesen, wenn die Fahrerin den Wagen, wie geschehen, ebenfalls zugleich nach rechts gezogen hätte. Den Aufprall hätte sie demnach nur verhindern können, wenn sie 50 km/h oder auch schneller und gleichzeitig weiter geradeaus gefahren wäre. Dagegen spricht laut diesem Gutachter das generelle menschliche Verhalten in solchen Situationen: Wenn eine plötzliche Gefahr von links komme, ziehe man reflexartig "immer nach rechts" (und umgekehrt). Es könne wohl "keiner mit Befriedigung" aus dieser Verhandlung gehen, sagte die Richterin nach diesen zugunsten der Angeklagten zu wertenden Informationen und schlug eine vorläufige Einstellung ohne Übernahme der Kosten der Angeklagten vor. Zwar sträubte sich die Mutter des Getöteten zunächst, doch nach einer Beratung stimmten alle Prozessbeteiligten zu.

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