Totale Zerstörung: Simon Bethlehem vor einer in Schutt und Asche liegenden Schule in Nordirak. - © Grünhelme
Totale Zerstörung: Simon Bethlehem vor einer in Schutt und Asche liegenden Schule in Nordirak. | © Grünhelme

Gütersloh Dieser Gütersloher hilft in Krisengebieten im Nord-Irak

Simon Bethlehem ist als Grünhelm ehrenamtlich in Krisengebieten im Einsatz

Florian Sädler

Gütersloh. Der 3. August 2014 markiert eine Zeitenwende für das Volk der Jesiden im Nord-Irak. Morgens um zwei überfiel der IS das Gebiet um den Shingal-Gebirgszug, 5.000 Angehörige der Minderheit starben, 7.000 wurden entführt, Zehntausenden gelang die Flucht nach Norden. Simon Bethlehem landete zwei Wochen danach in der benachbarten kurdischen Autonomieregion. Der Gütersloher, ehrenamtlich bei den „Grünhelmen" unterwegs, traf dort auf ein Volk, dessen Überlebende ein Kollektivtrauma erlitten hatten. Knapp zwei Wochen lang besucht Bethlehem seine Familie in Gütersloh, als die NW ihn drei Jahre später in einem Café zum Interview erwischt. Während ältere Damen nebenan über Kleiderschrank-Lackierungen plaudern, erzählt er, wie es dazu kam, dass er an die Krisenherde der Welt reist. Aufgewachsen ist Simon Bethlehem, 31, in Isselhorst. Schulabschluss an der Anne-Frank-Schule, dann Tischlerlehre, eine Weile als Geselle gearbeitet, Abi nachgeholt und Sozialwissenschaften mit VWL in Köln studiert. 2011 hörte er einen Vortrag von Grünhelm-Gründer Rupert Neudeck, bewarb sich und war seitdem an vielen Orten im Einsatz: Kongo, Mauretanien, Türkei, Nepal, Irak und bald Libanon. Das Prinzip ist immer gleich: Durch Kontakte erfährt das kleine Team, wo Hilfe benötigt wird. Ihre Nische haben die Grünhelme dort gefunden, wo die Lage gerade sicher, institutionelle Hilfe aber noch nicht angekommen ist. Die Organisation ist klein, Hierarchien sind flach, die Verwaltung erledigt die Tochter des Gründers im Home-Office. Die Organisation finanziert sich ausschließlich aus privaten Spenden und Stiftungs-Zuwendungen, auf Förderung durch den Bund verzichtet man bewusst: „Auf diese Weise sind wir viel flexibler", so Bethlehem. Mitte 2014 fand sich der Gütersloher im Nord-Irak wieder. Dort, im kurdischen Autonomiegebiet, sei es sicher gewesen, seit eine Offensive des IS durch Luftangriffe westlicher Streitkräfte zurückgedrängt und so eine Grenze zum selbst ernannten Kalifat nebenan gezogen wurde. Trotzdem: „Wenn man am Straßenrand liest: Mossul: 30 Kilometer, dann: 20 Kilometer, dann ist das beklemmend." Seine Eltern zu überzeugen, dass das sicher sein soll, war kein leichtes Unterfangen, aber die Grünhelme sind „keine Hallodris, die sich zwischen die Kugeln schmeißen", sagt Bethlehem. Und so machten er und zwei Mitstreiter sich im Schatten der IS-Hochburg zunächst daran, ein provisorisches Flüchtlingscamp mit Sanitäranlagen auszustatten. Danach wurden in Absprache mit den Behörden Schulen in mehreren Dörfern der Region wiederaufgebaut. Bethlehem rekrutierte als Projektleiter vor Ort Helfer aus der Bevölkerung, andere für einfache Hilfsarbeiten. Trotz kultureller Unterschiede funktionierte das: Frauen mit Weisungsbefugnis, Wasserwaage statt Augenmaß. Nach Arbeitstagen, die teils von fünf in der Früh bis zehn am Abend dauerten, legten die Deutschen ihre Iso-Matten in den provisorischen Flüchtlingscamps aus, wo die Leute bis in die Nacht ihre angestauten Geschichten loswerden wollten: „Diese Menschen haben Dinge erlitten, die wir uns hier gar nicht vorstellen können." Langsam kehrt Leben in die Region um das Shingal-Gebirge zurück, sagt Bethlehem, der abwechselnd mit anderen Grünhelmen seit dem Massaker im Sommer 2014 jedes Jahr teils mehrmals dort war. Und obwohl er weiß, dass seine Arbeit „nur ein Tropfen auf den heißen Stein" ist, wird er weitermachen. Wenn er für sich aus Einsätzen auf drei Kontinenten eines mitgenommen hat, dann, dass Menschen überall gleich sind: „Du findest weltweit die gleichen Charaktere wie hier: Herzlich, hinterhältig. Fleißig, faul." Seit er vor vier Monaten seine Master-Arbeit (Friedens- und Konfliktforschung) abgegeben hat, ist Bethlehem bei den Grünhelmen angestellt. Davor packte er seine Reisen als Ehrenamtlicher in vorlesungsfreie Zeiten oder nahm Urlaubssemester, quetschte Prüfungen und Hausarbeiten in kleine Zwischenräume – und saß nach Monaten bei 45 Grad im Flüchtlingscamp plötzlich wieder im klimatisierten Frankfurter Hörsaal. Das Gefühl, fehl am Platz zu sein in einer Blase aus Jute-Beuteln und Gossip-Getratsche, während anderswo Leute starben, ließ ihn nie so recht los. Bethlehem sagt, seine Einsätze haben den Blick auf das Verhältnis zwischen der Ersten Welt und dem Rest verändert. Zwischen Aufenthalten im irakischen Camp und auf dem Flüchtlings-Etappenziel Lesbos war er in Deutschland in Sicherheit, bevor er auf der griechischen Insel einen Mann aus dem Lager wiedertraf, der in der Zwischenzeit 1.500 Kilometer hinter sich gebracht hatte und dem Deutschen weinend in die Arme fiel. „Dass man sich über diese Leute beschwert, dafür habe ich kein Verständnis", sagt er. Rechtsruck und Populismus beobachtet Bethlehem mit Sorge und Unverständnis, ebenso Flüchtlinge, die wenig Bereitschaft zu Integration und Deutschkursen zeigen. Angefeindet wurde er für sein Engagement nie – vielleicht, weil er paradoxerweise auch im Interesse seiner politischen Gegenseite arbeitet, indem er seinen kleinen Teil dazu beiträgt, dass es in den Krisenregionen bestenfalls irgendwann weniger Fluchtgründe gibt als heute. Auch, wenn es nicht sein vorrangiges Ziel ist, „dass möglichst wenige Leute nach Deutschland kommen", sondern, „dass die Menschen Zuhause ein besseres Leben führen können."

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