Führte ins Thema ein: Professor Klaus-Thomas Kronmüller, Ärztlicher Direktor des Gütersloher Krankenhauses. - © Ludger Osterkamp
Führte ins Thema ein: Professor Klaus-Thomas Kronmüller, Ärztlicher Direktor des Gütersloher Krankenhauses. | © Ludger Osterkamp

Gütersloh Psychiatrie: "Ganz ohne Zwang geht es nicht"

Bei den 68. Gütersloher Fortbildungstagen befassen sich die Teilnehmer mit dem Thema Zwangsbehandlungen in der Psychiatrie

Ludger Osterkamp

Gütersloh. „Einer flog über das Kuckucksnest" ist schon 42 Jahre alt. Doch geht es um Thema Zwang in der Psychiatrie, prägt der Film mit Jack Nicholson die Vorstellungen vieler Menschen bis heute – sehr zum Bedauern von Professor Klaus-Thomas Kronmüller, Ärztlicher Direktor des LWL-Klinikums. Die 68. „Gütersloher Fortbildungstage" sind bemüht, ein aktuelles, differenziertes Bild zu liefern. Kronmüller sprach bei der Eröffnung am Dienstag, 12. September, von dem verbreiteten Irrglauben, noch immer werde in der psychiatrischen Intensivbehandlung stark auf Zwang und Gewalt gesetzt. „Aber: Die Allermeisten bei uns sind in freiwilliger Behandlung." Der Anteil jener, die per richterlichem Beschluss in der Gütersloher LWL-Klinik behandelt werden, liege relativ stabil bei fünf Prozent – ein Wert, der schon jetzt unterdurchschnittlich sei, der aber, so Kronmüller, noch weiter gedrückt werden solle. »Man muss versuchen, den Zwang auf ein Minimum zu reduzieren« Für die Psychiatrie sei der Umgang mit Zwang und Gewalt seit jeher ein Schlüsselthema. Es gebe kaum einen Bereich, der das Selbstverständnis der Psychiatrie derart intensiv berühre und zugleich die gesellschaftliche Entwicklung spiegele. Zu fordern, die Psychiatrie müsse gänzlich ohne Zwang auskommen, halte er jedoch für abwegig. Kronmüller: „Man muss versuchen, den Zwang auf ein Minimum zu reduzieren, aber gänzlich ohne wird es nicht gehen." Die „Gütersloher Fortbildungstage", einer der landesweit größten psychiatrischen Fachkongresse, befasst sich mit den juristischen, ethischen, soziologischen und medizinischen Facetten des Themas. Rund 160 Teilnehmer aus ganz Deutschland hatten sich angemeldet. 400 Anträge auf Zwangsbehandlung im Jahr Klinik-Chef Kronmüller sagte, in Gütersloh gingen pro Jahr rund 400 Anträge auf Zwangsbehandlung ein. Gestellt von den Ärzten, genehmige das Amtsgericht etwa die Hälfte davon, 200. Warum nicht mehr? Weil die juristische Schwelle für eine solche Genehmigung (Zwangseinweisung) in Deutschland hoch liege und mit der Novellierung des Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetzes (PsychKHG) NRW Anfang des Jahres ein weiteres Mal angehoben worden sei. Viele Aspekte seien in diese Änderung eingeflossen, darunter Stellungnahmen der UN-Behindertenkommission, der zentralen Ethik-Kommission der Ärztekammer und ein Urteil des Bundesverfassungsgerichtes. In der Schweiz etwa, das zum Vergleich, liege die Hürde für eine Zwangsbehandlung deutlich niedriger – was dazu führe, dass dort 20 Prozent der Patienten gegen ihren Willen behandelt würden. Klinik-Mitarbeiter lernen Techniken der Deeskalation Kritiker sprechen mitunter von einer Form von Freiheitsentzug – die Zwangseinweisung sei ein derart gravierender Eingriff in die Selbstbestimmung, dass sie eigentlich nicht zum Regelfall werden dürfe. In Deutschland, so Kronmüller, müsse ein Arzt jeden einzelnen Tag prüfen, ob noch die Voraussetzungen für eine Zwangsbehandlung vorlägen. Vorgestellt wurde gestern zu Anfang der Tagung der „LWL-Standard zur Vermeidung, Anwendung und Dokumentation von freiheitsentziehenden Maßnahmen". Dieser Standard, formuliert auf 60 Seiten, werde derzeit in allen LWL-Kliniken eingeführt, sagte Pflegedienstleiterin Rita Elpers. Eines der wesentlichen Elemente sei die Kommunikationsschulung: Die Klinik-Mitarbeiter lernten Techniken der Deeskalation. Beispiel: Bringe die Polizei einen aufgebrachten Patienten, dem die Hände mit Kabelbinder gefesselt sind, so versuchten die Klinikbeschäftigen, die Situation in Gesprächen, vielleicht bei einer Tasse Kaffee und einer Zigarette, zu beruhigen. Ausicht auf Therapieerfolg bei Freiwilligen höher Indem man den Zwang reduziere, Hilfe anbiete und Einsicht erzeuge, stärke man die Bereitschaft des Patienten, sich einer Behandlung zu unterziehen – und als Freiwilliger sei die Aussicht auf einen Therapieerfolg deutlich höher. Bestandteil der Mitarbeiterschulung seien aber nicht nur Kommunikationstechniken, so Elpers: Auch das Lernen von Stoppsignalen und Haltegriffen gehörten dazu – beides allemal besser als Fixierungen. Zu einer Zwangsmedikation – von Kritikern ebenfalls als eine Form von Gewalt angeprangert – greife die Gütersloher Klinik nur äußerst selten, so Kronmüller. Es handele sich um weniger als zehn Fälle pro Jahr, und das bei einer Patientenzahl von zehntausend. Auch eine Zwangsmedikation erfolge nur nach richterlichem Beschluss.

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