Eine Frage von Millisekunden: Wettkampf-Sparring im Tristar Gym. - © Florian Sädler
Eine Frage von Millisekunden: Wettkampf-Sparring im Tristar Gym. | © Florian Sädler

Kreis Gütersloh/Montreal Teil 3: NW-Reporter hat in Kanada mit Käfigkämpfern gelebt

Florian Sädlers Erfahrung: "Seinen Gegner nach dem Äußeren zu beurteilen ist gefährlich"

Florian Sädler

Kreis Gütersloh/Montreal. Wer leisten will, muss leiden. So könnte man das Oldschool-Motto des Tristar Gyms auf den Punkt bringen. Und so dämmert in diesem Mix aus Muskelkater und Faszination für meinen sonderbaren neuen Alltag ein weiterer Morgen in Montreal. Nach dem Aufstehen gehe ich entweder eine Runde Laufen oder zum Grappling-Training. Grappling, das ist eine Art Sammelbegriff für Schieben, Zerren, Werfen, Würgen. Ringen könnte man in diese Kategorie packen, Judo und Jiu-Jitsu. Die brasilianische Variante letzterer Disziplin ist, was der Anfängerkurs im Tristar Gym beigebracht bekommt. Meine Grappling-Einheiten in Ostwestfalen kann ich an zwei Händen abzählen, entsprechend vorsichtig gehe ich das "Rollen", bei dem es um Positionskontrolle und Aufgabegriffe geht, hier in Kanada an. In Straßenkleidung sieht kaum einer bedrohlich aus Immerhin habe ich vergangene Woche beim Thaiboxen glatt einen Sparrings-Partner unterschätzt, der aussah wie zwölf und einen Kopf kleiner war als ich, dafür doppelt so schnell und mit der technischen Präzision eines Scharfschützen ausgestattet. Das hat gesessen und mich effektiv wie selten gelehrt, niemanden nach dem Äußeren zu beurteilen. Selbst bei den Profi-Kämpfern hier gibt es zwar den einen oder anderen Muskelprotz, die meisten von ihnen sehen in Straßenkleidung aber kaum bedrohlich aus - wenn man Warnzeichen wie leicht schiefe Nasen und die durch den Druck beim Ringen verformten Blumenkohlohren übersieht. Es läuft aber heute ganz gut für mich beim Rollen. Grappling ist weniger spektakulär, dafür genauso effizient wie (Thai-)Boxen und Co. Wo beim Kampf im Stand Reaktionsfähigkeit, Instinkt und schnelle Entscheidungen gefragt sind, helfen auf der Matte beim Grappling nur taktisch clevere Schachzüge. Bewege ich mich hier, muss ich dort aufpassen, nicht ausgekontert zu werden. Bringt der Gegner Aktion A, ist das vielleicht nur eine Falle für Aktion B. Verfehle ich Griff X, kann der andere mich mit Griff Y überrumpeln. Wer nicht mitdenkt, hat schlechte Karten Wer da nicht mitdenkt, hat schlechte Karten - dumpfe Schläger finden sich keine im Gym. Wo es in der Anfangszeit des MMA-Sports noch häufig darum ging, wer der Härtere ist, würden nach zwanzig Jahren Entwicklung die harten Hunde von damals gegen die schlauen Füchse von heute gnadenlos untergehen. Arnold, mein Mitbewohner, den ich bald zu seinem nächsten Kampf in London begleiten werde, ist der Prototyp dieser neuen Generation: ehrgeizig, diszipliniert, fokussiert - und fähig wie willens, für seinen Traum durchs Feuer zu gehen. Sein Können draußen auf der Straße anzuwenden, kommt für ihn nicht infrage. Warum auch, wenn es nur Ärger bringt und das Training im Gym auslastend genug ist? Einen Mitbewohner kämpfen sehen Meine Zeit in Montreal neigt sich ihrem Ende zu, und Blicke in den Spiegel und auf die Waage zeigen: Ich habe ein bisschen was geschafft. Knappe fünf Kilo habe ich seit meiner Landung in "La Belle Province" verloren, trotz gelegentlicher Ausflüge ins reichhaltige kulinarische Angebot Ost-Kanadas (genial: Poutine!). Ich fühle mich fit wie nie zuvor, wenn auch die tägliche Schinderei langsam in Form von leichtem Knacken und Ziehen ihren Tribut zollt. Morgen ist das vorbei, dann geht es zurück in die alte Welt: Für Arnold, der die letzten Monate das gleiche wie ich gemacht hat, wenn man es mit zwei multipliziert, steht sein dritter Kampf in der UFC an. Ich werde am Höhepunkt seiner Mühen daneben in der Presse-Reihe sitzen und dafür aus der Innenansicht des Gyms zurück in die Reporter-Perspektive wechseln. Die schreibt Distanz vor, und doch bin ich jetzt schon leicht nervös, meinen Mitbewohner kämpfen zu sehen. Arnold geht für die meisten Zuschauer unter in der Menge von 22 Kämpfern, die am Wochenende antreten werden und allesamt Monate investiert haben, um genau jetzt den Zenit ihrer körperlichen wie psychischen Leistungsfähigkeit zu erreichen. Vorfreude, Dankbarkeit und Muskelkater Zu wissen, was dazu nötig ist, verleiht der anstehenden Fight Night, für die die Kämpfer doch hauptsächlich austauschbare Statisten sind, eine emotionale Wucht, die die Härte ihres Handwerks übertönt. Ich steige mit einer seltsamen Mischung aus Vorfreude, Dankbarkeit, Melancholie, Nervosität und Muskelkater in den Flieger zurück nach Europa, wo mich nach der Fight Night in London ein anderer Alltag wiederhaben wird. So anstrengend und unkomfortabel das Leben im Gym beizeiten ist: vermissen werde ich diesen spartanischen Detox allemal.

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