Festnahme: Nach dreistündiger Verhandlung mit der Polizei gibt Alexander K. auf. Beamte eines Spezialeinsatzkommandos (SEK) bringen ihn zum Rettungswagen. Seitdem wird der Beschuldigte im Zentrum für Forensische Psychiatrie in Lippstadt-Eickelborn betreut. - © Patrick Menzel
Festnahme: Nach dreistündiger Verhandlung mit der Polizei gibt Alexander K. auf. Beamte eines Spezialeinsatzkommandos (SEK) bringen ihn zum Rettungswagen. Seitdem wird der Beschuldigte im Zentrum für Forensische Psychiatrie in Lippstadt-Eickelborn betreut. | © Patrick Menzel

Gütersloh Attacke im Kreishaus: Messerstecher soll in die Psychiatrie

Der Beschuldigte Alexander K. muss sich ab September in einem Sicherungsverfahren für die Tat verantworten

Patrick Menzel

Gütersloh. Ein halbes Jahr nach der Messerattacke auf zwei Mitarbeiter der Kreisverwaltung muss sich der mutmaßliche Täter in wenigen Wochen vor dem Bielefelder Landgericht verantworten. Dem zum Tatzeitpunkt 27 Jahre alten Alexander K., dem die Staatsanwaltschaft versuchten Mord und versuchten Totschlag vorwirft, steht allerdings kein gewöhnliches Strafverfahren bevor. Weil ihm ein von der Ermittlungsbehörde in Auftrag gegebenes Gutachten offenbar eine Schuldunfähigkeit bescheinigt, soll in einem Sicherungsverfahren über seine Täterschaft entschieden werden. Im Falle einer Verurteilung droht K. keine Haftstrafe, sondern die dauerhafte Unterbringung in einer psychiatrischen Einrichtung. Das jedenfalls ist das in der Antragsschrift formulierte Ziel der Staatsanwaltschaft. Den 530 Beschäftigten der Kreisverwaltung wird der 13. März 2017 vermutlich für immer in Erinnerung bleiben. Ohne Termin hatte K. in den frühen Nachmittagsstunden jenes Montags die Räume des Gesundheitsamtes im ersten Stock des Kreishauses betreten, laut des zuständigen Fachbereichsleiters Thomas Kuhlbusch, "um sich aufgrund einer psychiatrischen Problematik Beratung zu holen." Zwei Fachkräfte des Sozialpsychiatrischen Dienstes kümmerten sich um ihn. Das Gespräch sei gut verlaufen, Hinweise auf eine drohende Eskalation habe es zu keinem Zeitpunkt gegeben, sagte Kuhlbusch später bei einer Pressekonferenz. Etwa zehn Minuten nachdem er das Büro verlassen hatte, kehrte Alexander K. schließlich in den Raum zurück. Mutiger Zeuge verhinderte Schlimmeres Bereits an den Schritten des Mannes hätten die Mitarbeiter gemerkt, dass Gefahr drohe. Dann sei der Verdächtige auch schon zur Tür hereingekommen, habe seinen Mantel geöffnet, ein Messer herausgezogen und unvermittelt zugestochen, beschrieb Kuhlbusch das Vorgehen des Beschuldigten. Während einer der Mitarbeiter die Attacke mit einem Stuhl abwehren konnte, erlitt sein Kollege mehrere Messerstiche in Bauch und Oberkörper - nach NW-Informationen leidet er noch immer an den Folgen der Tat und konnte daher bis heute nicht an seinen alten Arbeitsplatz zurückkehren. Die Folgen des Messerangriffs wären möglicherweise noch viel fataler gewesen, wäre nicht ein Besucher des Gesundheitsamtes auf die Hilferufe aufmerksam geworden und den Mitarbeitern zu Hilfe geeilt. Der 45-jährige Rheda-Wiedenbrücker Milovan Bogunovic brachte die beiden betroffenen Beschäftigten auf dem Flur in Sicherheit und sperrte den Täter schließlich bis zum Eintreffen der Polizei in dem Büro ein. Erst nach drei Stunden konnten Verhandlungsexperten eines Spezialeinsatzkommandos (SEK) aus Bielefeld den Täter zur Aufgabe bewegen. Seit seiner Festnahme wird Alexander K. im Zentrum für Forensische Psychiatrie in Lippstadt-Eickelborn betreut. Das Sicherungsverfahren gegen ihn beginnt am 29. September vor der X. Großen Strafkammer unter dem Vorsitz von Richter Christoph Meiring. Für das Verfahren hat das Landgericht zunächst fünf Verhandlungstage angesetzt. Ein Urteil soll nach derzeitiger Planung der Kammer am 18. Oktober verkündet werden. Das Sicherungsverfahren Innerhalb des Strafrechts stellt das sogenannte „Sicherungsverfahren" eine besondere Verfahrensart dar, die der „selbstständigen Anordnung von Maßregeln der Besserung und Sicherung" dient. Voraussetzung für ein solches Verfahren ist, dass ein normales Strafverfahren wegen Schuldunfähigkeit oder Verhandlungsunfähigkeit des ansonsten aber gefährlichen Täters nicht durchgeführt werden kann, aber anstelle einer Gefängnisstrafe eine Unterbringung in der Psychiatrie oder in einer Entziehungsanstalt in Betracht kommt. An Stelle der sonst üblichen Anklageschrift tritt in diesem Verfahren eine Antragsschrift der Staatsanwaltschaft. In der Hauptverhandlung ist ein Sachverständiger hinzuzuziehen, der ein Gutachten über etwa bestehende Gefährlichkeit des Täters sowie eine Gefährlichkeitsprognose abgibt. Dem Täter ist „unter allen Umständen" ein Verteidiger zu bestellen.

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