Im Gespräch: Die ehemalige Bürgermeisterkandidatin Anke Knopp im Sommerinterview mit NW-Redakteur Rainer Holzkamp. - © Raimund Vornbäumen
Im Gespräch: Die ehemalige Bürgermeisterkandidatin Anke Knopp im Sommerinterview mit NW-Redakteur Rainer Holzkamp. | © Raimund Vornbäumen

Gütersloh Politikerin Anke Knopp stellt neues Buch vor

In "Wahltag" beschreibt Anke Knopp neun Monate spannendster Politikrealität

Rainer Holzkamp

Gütersloh. Viele haben sie nicht verstanden. Fürs Bürgermeisteramt antreten? Als unabhängige Einzelbewerberin? Ohne Parteiapparat im Rücken? Und ohne prall gefüllte Wahlkampfkasse? Dr. Anke Knopp hat es 2015 dennoch versucht. Am Ende reichte es bei fünf Bewerbern für Rang vier. Wie es aus ihrer Sicht gelaufen ist, schildert die 52-jährige Politikwissenschaftlerin in ihrem frisch erschienenen Buch. "Wahltag", lautet der Titel. Das hört sich nach Showdown an, auch nach Abrechnung. In Wahrheit ist es die unterhaltsame, heitere wie ernsthafte Beschreibung eines neunmonatigen Selbstversuchs. Von dem Entschluss anzutreten bis zum Wahlabend. Für sie war dies eine Phase "spannendster Politikrealität". Dazu gehört, dass sie anfangs im Wahlkampf auch inhaltlich nicht verstanden wird. Digitalisierung, ihr Kernthema, löst meist Ratlosigkeit aus. "Mich verstand kein Mensch, wenn ich von einer Politik 2.0 sprach, von E-Government, Open Data oder Arbeit 4.0." Ihr wichtigstes Anliegen sei gleichzeitig auch das gewesen, das am kompliziertesten zu erklären war. Die Leute interessieren sich zumeist eher für abgebaute Buswartehäuschen. Beweggründe für die Kandidatur Dass Parteien in ihrem Leben zuvor und auch schon sehr früh wohl eine Rolle spielten, erfährt der Leser im Kapitel über ihre Beweggründe für die Kandidatur, das mit überraschenden Details aufwartet: Mit 11 Jahren Flugblätter für die CDU im Bundestagswahlkampf 1976 verteilt, mit 16 eine kurze Mitgliedschaft bei der Jungen Union, seit Anfang der 80er Jahre, das ist schon eher bekannt, Feuer und Flamme für die Grünen. Später erst die Übernahme von Funktionen in der Ratsfraktion und im Ortsverband, dann der Parteiaustritt und der Wechsel zur Bürgerinitiative "Demokratie wagen", wo sie treue Helfer für ihren Wahlkampf findet. Während die Konkurrenz mit Großplakaten und samstäglichen Infoständen in die Materialschlacht zieht, beschränkt sich Knopp auf punktuelle Aktionen: die nächtliche, selbstredend digitale Illumination des Rathauses und ein originelles Youtube-Video, in dem sie lieber Wäsche aufhängt als Plakate. Wahlkampf 2.0. 9,35 Prozent der Wählerstimmen Gereicht hat es für Knopp am Ende für 9,35 Prozent der Wählerstimmen. Den Sieg trägt in der Stichwahl der CDU-Kandidat davon. Knopp schreibt in ihrem Fazit: Gewählt wurde ein Mann, der eigentlich gar kein Politiker ist, sondern ein Verwaltungsmann, der sich noch schnell einen politischen Anstrich gab. Damit spielt die Autorin auf den punktgenauen Parteieintritt des bis dahin parteilosen Stadtbaurats und heutigen Bürgermeisters Henning Schulz an. Die geringe Wahlbeteiligung in der ersten Runde (39,31 Prozent) veranlasst Knopp zu der These, eine Direktwahl und Personenwahl des Bürgermeisters erscheine zunehmend unpassend. Auch ist sie der Auffassung, dass der Wahlausgang quasi schon mit der Kandidatenliste feststand. "Zeichnet sich ab, dass ein Verwaltungsfachmann zur Wahl antritt, scheint ein unausgesprochenes Zugeständnis in der Wählerschaft zu herrschen, dass diese Person auch gewählt wird." Auch als Bloggerin unterwegs Als unabhängiger und parteiloser Einzelbewerber habe man eine Chance. Aber nur eine winzige. Knopp, die lange Zeit bei der Bertelsmann-Stiftung gearbeitet hat und inzwischen als freiberufliche Beraterin tätig ist, führt dafür zwei Gründe an. Zum einen sei die Angst der Menschen davor, einen Querdenker zu wählen, enorm. Zum anderen sei es sehr schwer, ohne Anbindung an Institutionen zu erklären, wofür man politisch eintrete. Sie tritt, das macht sie im Buch immer wieder deutlich, für eine Haltung des offenen, transparenten und auf Mitbestimmung ausgelegten Regierungs- und Verwaltungshandelns ein. Ihr Ansatz sei gewesen, den Bürgern das systemische Recht einzuräumen, für sich selbst zu sprechen oder auch in Kooperation mit Rat und Verwaltung tätig zu werden. Auf Augenhöhe. Für Knopp, die auch als Bloggerin weiterhin beharrlich ihr Themenfeld beackert, hat sich gezeigt, dass man mit Digitalisierung keine Wahl gewinnen kann: "Gestern nicht, heute nicht - morgen aber mit Sicherheit."

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