Marleys Ghost: Der wird von Sänger und Gitarrist Sebastian Sturm beim Konzert in Mohns Park authentisch verkörpert. - © Florian Sädler
Marleys Ghost: Der wird von Sänger und Gitarrist Sebastian Sturm beim Konzert in Mohns Park authentisch verkörpert. | © Florian Sädler

Gütersloh Open-Air: Kölner Jungs ließen Bob Marley in Mohns Park wiederaufleben

Gütersloh fühlt den Geist des Reggae

Florian Sädler

Gütersloh. Der Ostwestfale, heißt es, ist ein grundsätzlich sturer Zeitgenosse. Selbst bei innerer Ekstase lässt er sich zu keinerlei sichtbar emotionalen Ausbrüchen verleiten. Widerlegt wurde das bekannte Vorurteil beim zweiten Konzert der Open-Air-Reihe des Gütersloher Sommers in Mohns Park. Auf der Freilichtbühne ist Marley's Ghost zu Gast, und eben jenen Geist Bob Marleys beschwören die fünf Jungs der Gruppe am Sonntagnachmittag meisterhaft herauf. Das zumindest findet Herr Strauch-Kliche (60), kurz: "Rolle". Rolle ist schon seit Anfang der 80er Marley-Fan, als er die Reggae-Legende live in der Dortmunder Westfalenhalle sah - dessen Aura sei elektrisierend gewesen. Obwohl diese von der Cover-Band natürlich nicht wiedererweckt werden kann, ist Rolle Fan von Marley's Ghost: "Die habe ich in Lippstadt schon mal gesehen", verrät der passionierte Musiker aus Rheda-Wiedenbrück, "und natürlich komme ich, wenn sie in der Gegend sind." Marley's Ghost selbst sind nicht ganz aus der Gegend - die studierten Musiker kommen aus Köln und Umgebung, ihre Tourneen haben sie mittlerweile aber laut ihrer Webseite schon über rheinische Grenzen hinaus durch ganz Europa bis nach Jamaika gebracht. Dabei dachte sich Sänger Sebastian Sturm vor nunmehr fast 20 Jahren zur Idee, den großen Marley zu covern zunächst nur "Ach, kommt." Dann aber "ist uns aufgefallen, dass es noch gar keine gute Bob-Marley-Coverband gibt in Deutschland." Heute ist "dieses Projekt Bob Marley eine Herzensangelegenheit." Das wird im Mohns Park auch ohne Erklärung deutlich - bereits beim dritten Song fordert der Deutsche mit Dreadlocks und indonesischen Wurzeln die Freilichtbühne heraus: "C'mon, es darf getanzt werden!" Das sei in anderen Städten jetzt normalerweise längst der Fall. Und tatsächlich: Zu "So Much Trouble", "Them Belly Full" oder "Could you be Loved" verliert der Großteil des vollgepackten Open-Air-Geländes alle Hemmungen. Das bleibt auch den Veranstaltern nicht verborgen: "So schnell hat hier noch niemand die Leute zum Feiern gebracht", wundert sich Katrin Groth vom Gütersloher Verkehrsverein mit Blick auf viele Dutzend ausgelassene Tänzer. Trotz gelegentlichem Nieselregen bleibt die Stimmung konstant gut: Mal macht sich zufriedene Entspannung breit, dann heißt es wieder Party pur, wenn Keyboarder Joonas Lorenz sein Instrument mit Feuer in den Augen und Jamaika in den Hüften kniend, springend und tanzend bearbeitet. Gegen Ende hin wird die Tanzfläche zu "Buffalo Soldier" und "I Shot The Sherriff" noch einmal richtig voll - die dröhnenden Rhythmen aus den Lautsprechern verleitet Erwachsene dazu, über Büsche vor die Bühne zu springen und Kinder, ihre Ohrstöpsel im nächsten Gulli zu versenken. Es herrscht ausgelassenes Chaos im Mohns Park, als abschließend auf "No Woman No Cry" für Rolle die einzige Enttäuschung des Nachmittags folgt: "Ich hätte mir echt gewünscht, dass sie zum Abschluss noch den Redemption Song bringen." Trotzdem findet er: "Gütersloher Sommer, das ist wirklich 'ne Top-Adresse." Während Rolle sich nostalgisch zufrieden auf den Heimweg macht, bleibt anderswo auf der Tribüne die ostwestfälischste aller Lobeshymnen nicht aus: "Kann man sich anhören", tönt es über die Sitzreihen. Mehr Lob geht in Gütersloh nicht.

realisiert durch evolver group