Leidenschaftlich: Cem Özdemir hielt sich bei seinen Antworten auf die Fragen der Gütersloher kaum zurück. - © Florian Sädler
Leidenschaftlich: Cem Özdemir hielt sich bei seinen Antworten auf die Fragen der Gütersloher kaum zurück. | © Florian Sädler

Gütersloh Grünen-Bundesvorsitzender Cem Özdemir hielt sich bei Fragen nicht zurück

Die als zurückhaltend geltenden Ostwestfalen kamen umgehend zur Sache

Florian Sädler

Gütersloh. Die Ostwestfalen, so Grünen-Landtagsabgeordnete Wibke Brems, brauchen immer etwas, um warm zu werden. Kein Problem für Cem Özdemir, der im gut gefüllten Saal der Tanzschule Stüwe-Weissenberg für eine Fragerunde mit Bürgern zu Gast war. Der Bundesvorsitzende der Grünen lockerte die Atmosphäre mit der Feststellung auf, dass auch er noch nicht ganz warm sei - allerdings wegen der ausgefallenen Heizung in der Bahn. Vielleicht hatte er mit dem Scherz das Eis etwas zu schnell gebrochen, denn schon mit der ersten Frage ging es zur Sache. Ein ehemaliger Grünen-Wähler wollte wissen, warum die Grünen in der Öffentlichkeit nicht mehr die seien, die sie mal waren: "Das ist alles so glatt geworden." Nach der obligatorischen Selbstkritik - "Da wurde von uns sicherlich auch manches falsch gemacht" - gab sich Özdemir aber alle Mühe, jenen glatten Eindruck zu revidieren. Eine Stunde lang stellte er sich jeder Bürger-Frage - von Integrationsproblemen über den Abgasskandal bis zum Türkei-Referendum. Mehr Geld für Erzieherinnen, also "echte Wertschätzung" anstelle von schönen Worten, forderte der Parteivorsitzende. Unterstützung für die Idee einer starken EU, denn wer seine Heimat liebe, der "muss auch überzeugter Europäer sein" und bereit, "nationale Egoismen beiseitezulegen." Auch sei er mitnichten ein "Radikal-Pazifist", ließ Özdemir wissen, und eine "Teufelsbrut" wie den IS müsse man militärisch bekämpfen, weil "nicht jeder Konflikt ohne Gewalt zu lösen" sei. Vor dem Hintergrund solch deutlicher Aussagen stellte Özdemir gleichzeitig klar, dass man derart komplexe Themen nicht vereinfachen darf. Gerade vor dem Hintergrund von Entwicklungen wie dem Verfassungsreferendum in der Türkei sei es laut Özdemir aber die falsche Strategie vonseiten der großen Parteien, das rechte Spektrum in Spekulation darauf zu ignorieren, es würde sich irgendwann aus Mangel an Kompetenz "von selbst zerlegen". Gleiches gelte dafür, speziell "der AfD nach dem Maul zu reden" in der Hoffnung, so Wähler von der Abwanderung nach rechts abzuhalten. Denn, wie aktuell das Beispiel Österreich zeige, führe eine solche angleichende Haltung nur dazu, dass für den unentschlossenen Bürger die Hemmschwelle sinke, dann doch "gleich das Original zu wählen." Das und mehr ließ gegen Ende der Veranstaltung die Frage aufkommen, ob die Grünen sich nicht gerade stark nach links orientierten. Könne man sich in bestimmten Fragen auf einen ähnlichen Kurs verständigen, so Özdemir, könne er sich auch vorstellen, mit der Linken zu koalieren. Klartext, das wurde am Abend schnell klar, zieht Cem Özdemir glatter Anpassung vor. Ob sich das für seine Partei letztlich auch in Wählerstimmen bei der Landtagswahl am 14. Mai und im politischen Alltag ummünzen lässt, bleibt offen. Warm geworden allerdings, das lässt sich sicher sagen, sind die Gütersloher mit ihm dann doch noch.

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