Mit großer Geste: Die beherrscht Tim Fischer beim Auftritt in der Stadthalle nach wie vor perfekt. Doch er kann auch anders. - © Matthias Gans
Mit großer Geste: Die beherrscht Tim Fischer beim Auftritt in der Stadthalle nach wie vor perfekt. Doch er kann auch anders. | © Matthias Gans

Gütersloh Tim Fischer sorgt für gute Stimmung in schlecht besuchter Stadthalle

Konzert: Tim Fischer gibt ein Konzert in der schlecht besuchten Stadthalle. Und zeigt dabei, wie ein Künstler von Format die Stimmung wenden und einen verloren geglaubten Abend zu einem Triumph gestalten kann

Matthias Gans

Gütersloh. Immerhin, die Verstärkeranlage funktioniert. Das war bei Tim Fischers erstem Konzert in Gütersloh vor fast 25 Jahren nicht so. Doch ideal sind die Bedingungen auch bei diesem Gastspiel des Chansonniers nach langer Zeit in der Stadthalle nicht. Nur rund 200 Besucher verlieren sich im großen Saal. Da werden Platzlücken schnell zu Stimmungslöchern. Dazu passt das Eröffnungslied "Absolut", das der neuen CD und der Tournee den Titel gibt, ganz gut: "Das war ein Kracher, das geht noch flacher. Und Niveau stört sowieso", heißt es im Refrain. Oje! Ist dieser Abend noch zu retten? Unter normalen Umständen wohl nicht. Aber was ist bei Tim Fischer schon normal? Als er erstmals in Gütersloh die "Zarah ohne Kleid" mimte, war der androgyne Jüngling mit dem wild-blonden Lockenpracht kaum volljährig und schon ein Mann mit Vergangenheit. Und wohl nicht nur musikalischer. Dieses Verruchtheitskapital wirft nach wie vor reichlich Zinsen ab. Etwa wenn der attraktiv ergraute 44-Jährige in dem Lied "Nur für Geld" aufzählt, wie, mit wem und warum er "es gemacht" hat. Edith Jeske, Texterin der legendären "Rinnsteinprinzessin", hat diese Lieder "konsequent an meiner Biografie entlang geschrieben", wie Fischer verrät, der die Exzesse seines Lebens in sympathischen Lachfalten verborgen hält, seine Hörgeräte aber nicht versteckt. Das Biografische darf in einem Programm, das die musikalischen Wegmarken eines fast 30-jährigen Bühnenlebens markiert, nicht fehlen. Jacques Brel ist gleich mehrfach vertreten, Dem "Lied von der alten Liebe" und "Bitte geh nicht fort" gibt er eigene Farbe und Substanz. Für manche Besucher eher ungewohnt sind einige Lieder von Thomas Pigor und Benedikt Eichhorn, etwa Fischer als "Hitler", der seine eigene Duftnote besingt, oder "Don?t Look", wo der Sänger im Staccato das deutsche Wesen verballhornend hinausbellt. Ein bisschen zurückgestellt hat Fischer, im ersten Teil in schwarzem, nach der Pause in weißem Smoking gekleidet, das trashig Tuntige. Die Feier des schlechten Geschmack erlaubt er sich nur noch in der Absurdschnulze "Der letzte Tanz" von Christian Anders. Doch Fischer ist mehr, er kann mehr, er hat viele Gesichter, auch wenn an diesem Abend das melancholische am stärksten wirkte. Trotz dieser Vielgestaltigkeit erschien die Show - auch dank einer perfekten Lichtregie - wie aus einem Guss. Und Fischer dreht mit seiner enormen Bühnenpräsenz, seiner Professionalität und seinem Charme die Stimmung schnell zu seinen Gunsten. Ein absoluter Gewinn in diesem Programm sind die Chansons von Sebastian Krämer. Losgelöst aus dem kabarettistischen Zusammenhang, in dem sie ihr Schöpfer präsentiert, gewinnen Lieder wie "Sehnsucht ist gemein" bei Tim Fischer noch an sanftem Witz, an melancholischer Ironie. Zusammen mit den Songs, die Edith Jeske und sein fulminanter Pianist Rainer Bielfeldt Fischer auf den Leib geschrieben haben, darf man feststellen, dass die deutsche Chansonszene kaum der legendären aus den 20er und 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts in Berlin und Wien nachsteht. Mag sie nicht mehr so witzig-abstruse Ergebnisse zeitigen wie Friedrich Holländers "Stroganoff" oder Hugo Wieners "Wie man eine Torte macht", in der Fischer seine fulminant explodierende Deklamationsgewalt demonstriert, so bezaubert der Abgesang auf eine verflogene Liebe in Form eines Wiegenliedes in "Schau sie schläft" umso mehr. Mit der Musik zu "Pflanz Lavendel auf mein Grab" könnte Bielfeldt gar ein weiterer Hit wie seine "Rinnsteinprinzessin" gelungen sein. Das Lied hat er vor 25 Jahren für Fischer geschrieben, es ist als Monument verletzlicher Zartheit nach wie vor ungebrochen in seiner Wirkung. Das Publikum feiert die Künstler stehend, fordert Zugabe um Zuggabe und erlebt einen Tim Fischer, der überwältigt scheint von der Begeisterung der Gütersloher. "Das hatte ich nicht erwartet, man hört ja so einiges", sagt er vieldeutig lächelnd. Wenn das ein Versprechen war, recht bald nach Gütersloh zurückzukehren: gebongt!

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