Kümmert sich um Geschlechterbalance: Inge Trame (53). Das Mobile aus Frauen und Männern hängt an der Innentür ihres Rathausbüros. - © Patrick Menzel
Kümmert sich um Geschlechterbalance: Inge Trame (53). Das Mobile aus Frauen und Männern hängt an der Innentür ihres Rathausbüros. | © Patrick Menzel

Gütersloh Gleichstellungsbeauftragte Inge Trame seit 25 Jahren im Einsatz

Ihr Engagement geht über ihre Arbeit in der Stadtverwaltung hinaus

Ludger Osterkamp

Gütersloh. Klar hat sich in 25 Jahren was getan. Frauen werden Bürgermeisterinnen, leiten Baudezernate, werden Feuerwehrleute. Doch zu behaupten, nach 25 Jahren Gleichstellungsarbeit wäre der Handlungsdruck gelindert, auf diese Idee käme Inge Trame im Leben nicht. "Es gibt so viele Dinge, die man noch ändern müsste." Ihr silbernes Arbeitsjubiläum mag ein Grund zur Rückschau sein. Zum Zurücklehnen ist es keiner. 1992, als sie vom Frauenbüro Münster nach Gütersloh wechselte und die fünf Jahre zuvor eingerichtete städtische Gleichstellungsstelle übernahm, machte sie sich mit "missionarischem Eifer" ans Werk. Missionarisch? Durchaus, denn in Sachen Gleichstellung, waren viele Gesellschaftsbereiche, nicht nur die Behörden, damals Wüstenei. In der Stadtverwaltung trugen gerade mal zwei Frauen Leitungsverantwortung: Christine Lang, Kämmerin, und Irmgard Mußmann, Leiterin des Standesamtes. Heute sind es etwa zehn, je nach betrachteter Hierarchieebene. Doch die Männer sind nach wie vor bei weitem in der Überzahl. "Solche Veränderungsprozesse dauern eben", gibt sich Inge Trame geduldig. Was sie meint: Erst muss ein Amtsleiter ausscheiden, bevor eine Frau als Nachfolgerin in Frage kommt. Und dann wiederum muss es genügend Frauen geben, die sich für einen solchen Posten aufdrängen - eine Voraussetzung, die in vielen technischen Berufen bislang längst nicht gegeben ist, trotz einer Nina Herrling, die Baudezernentin ist, oder einer Claudia Koch, die die Bauordnung leitet und demnächst Baudezernentin in Höxter wird. Rund 90 Personalgespräche führe sie pro Jahr, sagt Trame. Wenn sie wollte, könnten es mehr sein, doch sie beschränkt sich auf jene, die gleichstellungsrelevant sind, Führungsverantwortung mit sich bringen oder von Unterrepräsentation gekennzeichnet sind. "Ich muss nicht beim Vorstellungsgespräch jeder Erzieherin sitzen, aber wenn sich die Chance ergibt, den Männeranteil in den Kitas zu erhöhen, bin ich gerne beteiligt." - Männerförderung, auch dieses Thema gab es vor 25 Jahren nicht. "Chancengleichheit und Vielfalt, Gleichstellung, Integration" - so heißt die Abteilung, die Trame im Rathaus leitet. Das Wort Frauenförderung taucht expressis verbis nicht auf. Dass ihre Arbeit im Alltag - trotz "Boys Day" und geschlechterübergreifender Themen wie Vereinbarkeit von Familie und Beruf - nichts anderes beinhaltet, steht freilich auch fest. "Natürlich haben wir da noch erheblichen Aufholbedarf", sagt Trame. Ungleiche Bezahlung, schlechtere Aufstiegschancen, mangelnde Partizipation, Verhaften in tradierten Rollenbildern: Baustellen gibt es zuhauf. Schon während ihres Studiums der Sozialwissenschaften in Wuppertal hatte Trame, geboren in Hopsten im Kreis Steinfurt, Kontakte zum dortigen Frauenbüro geknüpft. Das Thema "Arbeit statt Sozialhilfe" war eines, das die Republik damals stark bewegte, und eines, das besonders Frauen betraf. Als Trame nach ihrem Studium ihre erste Stelle im Frauenbüro in Münster antrat, beschäftigte sie sich intensiv damit: Sie fand es ungerecht, dass Frauen nach einer Trennung fast zwangsläufig in die Sozialhilfe abrutschten, weil sie wegen der Kindererziehung zu wenig Berufserfahrung mitbrachten. "Dagegen wollte ich etwas unternehmen." Möglichst an einer Stelle, an der sie in der Lage war, Einfluss nehmen. Zu jener Zeit hatte sich zu der autonomen Frauenbewegung längst eine institutionelle gesellt: Die Kommunen richteten landauf, landab Gleichstellungsstellen ein. In Gütersloh war das 1987, fünf Jahre vor der Ankunft Trames, der Fall, doch die Beauftragte Annegret Kruse hatte die Stadt verlassen, war auf eine Dezernentenstelle befördert worden. Trame bekam den Posten. Eine ihrer ersten Aufgaben war es, ein von EU und Land gefördertes Modellprojekt umzusetzen: Die Gründung einer Beratungsstelle für Berufsrückkehrerinnen. Genau das, was sie wollte, und das, wofür sie akuten Bedarf sah. Der Wiedereinstieg in den Beruf ist noch heute eines ihrer dominanten Themen. Zwar hat sich gesetzlich und soziologisch einiges verschoben - Mütter sind nach dem Kinderkriegen nicht gleich sechs oder zehn Jahre beruflich raus, Väter nehmen ebenfalls ihre Elternzeit -, doch die Relevanz ist unverändert da. Viele Projekte - Einstiegs-Workshops, Aufzeigen beruflicher Perspektiven, Ratgeber für Alleinerziehende - fallen unter diese Rubrik, wer möchte, kann auch noch Fahrradkurse für Frauen, Gewaltprävention, Vorträge über Job-Sharing, Beratung über Möglichkeiten häuslicher Telearbeit oder die allgemeine Sensibilisierung für Geschlechtergerechtigkeit hier einordnen. Die Gleichstellungsstelle, so lautet ihr Auftrag, hat sich nicht nur intern um die Stadtverwaltung zu kümmern, sondern auch gesellschaftlich Einfluss zu nehmen. Die Möglichkeiten dazu sind unendlich. Das weiß Inge Trame schon deshalb, weil sie ehrenamtlich als Sprecherin im Gremium der Bundesarbeitsgemeinschaft der kommunalen Gleichstellungsbeauftragten mitarbeitet. Sie ist dort eine von zwölf, ausgewählt unter rund 1.300 Gleichstellungsbeauftragten in Deutschland. Anregungen für Projekte bekommt sie dort genug, es stellt sich lediglich die Frage, welche davon in Gütersloh umzusetzen sind. Mit 1,5 Stellen, ihre eingeschlossen, ist die Womanpower im Rathaus dafür recht eingeschränkt. 1992, als sie anfing, waren noch zwei Stellen dafür ausgewiesen, doch 0,5 fielen den Haushaltsklausuren zum Opfer. Trame beklagt sich nicht: "Ich finde, wir bewegen einiges. Und wir sind noch längst nicht am Ende." Die Errungenschaften zu erhalten, die von den Frauen-Vorkämpferinnen teils unter erheblichen Entbehrungen erstritten wurden, sei das Mindeste.

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