Kümmert sich um Integration: Das Jobcenter Kreis Gütersloh hat für das Betreuen der Flüchtlinge inzwischen mehrere Spezialisten eingestellt. - © Patrick Menzel
Kümmert sich um Integration: Das Jobcenter Kreis Gütersloh hat für das Betreuen der Flüchtlinge inzwischen mehrere Spezialisten eingestellt. | © Patrick Menzel

Gütersloh Flüchtlinge stellen Jobcenter vor schwierige Aufgabe

Jobcenter des Kreises Gütersloh steht durch den Flüchtlingszuzug vor einer schwierigen Aufgabe. Die schulischen und beruflichen Qualifikationen der Zuwanderer reichen nur selten aus

Ludger Osterkamp

Gütersloh. Die Zuwanderung in den Kreis Gütersloh wirkt sich massiv auf die Arbeit des Jobcenters aus. Wie aus aktuellen Zahlen der Kreisbehörde hervor geht, ist inzwischen jeder zweite Neuzugang unter den Hartz-IV-Empfängern ein Flüchtling. Sie für den Arbeitsmarkt fit zu machen, sei aufgrund ihres im Vergleich zur einheimischen Bevölkerung "weit unterdurchschnittlichen" schulischen und beruflichen Qualifikationsniveaus eine Herausforderung. "Es bedarf erheblicher Anstrengungen, um Arbeitsaufnahmen zu realisieren", heißt es in einem Sitzungspapier, das das Jobcenter für die Fraktionen im Arbeits- und Sozialausschuss des Kreistages erstellt hat. Demnach hat sich der Anteil der Ausländer unter den Hartz-IV-Empfängern mittlerweile auf mehr als 40 Prozent erhöht. 52,5 Prozent aller erwerbsfähigen Leistungsberechtigten wurden im Ausland (in 90 verschiedenen Ländern) geboren und haben somit einen unmittelbaren Migrationshintergrund. Laut Fred Kupczyk, Leiter des Jobcenters, bilden die Syrer nach den Deutschen mittlerweile die zweitgrößte Gruppe bei den erwerbsfähigen Leistungsberechtigten. "Dieser Trend setzt sich fort." Die weitere Flüchtlingszuwanderung konzentriere sich auf die Länder Irak, Iran, Afghanistan, Pakistan, Eritrea, Somalia und Nigeria. Zahlen Ende vergangenen Monats betrug die Zahl der erwerbsfähigen Leistungsberechtigten aus den Kriegs- und Krisenländern im Kreis Gütersloh 2.298 Menschen. Zum Vergleich: Die Zahl der EU-Arbeitsmigranten aus Ländern wie Polen, Rumänien und Bulgarien, die Jobs in der Fleischwarenindustrie oder in der Zeitarbeit aufgenommen habe, dann aber durch Familiennachzug oder Jobverlust in den Hartz-IV-Bezug gerutscht sind, liegt mehr oder weniger stabil um die 660. Die Zahl der erwerbsfähigen Leistungsbezieher aus den Balkanländern liegt aktuell bei 408, aus der Türkei bei 894, aus EU-Staaten wie Griechenland, Italien, Spanien und Portugal bei 387. Sachverhalt So lange ihr Anerkennungsverfahren läuft, beziehen die Flüchtlinge Mittel aus dem Asylbewerberleistungsgesetz. Sobald sie anerkannt und somit leistungsberechtigt sind, erfolgt ihre weitere Förderung im Jobcenter. Da das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) die Asylverfahren inzwischen wesentlich schneller abarbeitet, steigt die Zahl der anerkannten Flüchtlinge stark an - mit der Folge, dass im Jobcenter des Kreises Gütersloh aktuell monatlich 200 erwerbsfähige Flüchtlinge hinzu kommen. Da bei den Ausländerbehörden im Kreis von den registrierten Asylbewerbern derzeit noch rund 4.000 Menschen (inklusive Kinder) auf eine Entscheidung des BAMF warten, dürften in den nächsten Monaten - bei einer Anerkennungsquote von rund 60 Prozent - 2.400 Menschen beziehungsweise 1.500 Erwerbsfähige in die Betreuung des Jobcenters wechseln. "Wir rechnen mit einer raschen und starken Zunahme", sagt Kupczyk. Qualifikationsstand Beruflich: Bei den Flüchtlingen verfügen nach Angaben des Kreises nur 15 Prozent der Frauen und 20 Prozent der Männer über einen Berufsabschluss. Um in ihrer Heimat sich und ihre Familien ernähren zu können, haben viele Flüchtlinge zwar Erfahrungen aus einer Menge Jobs aufzuweisen, aber verglichen mit dem Facharbeiterniveau in Deutschland könne man das lediglich als "angelernt" bezeichnen. Entsprechend schwierig sei die Ermittlung, für welche Berufe sie überhaupt geeignet sind oder woran sie Freude hätten. Schulisch: Rund 70 Prozent der Flüchtlinge haben keinen Schulabschluss. Aufgrund von Krieg und Zerstörung haben manche nur wenige Jahre eine Schule besuchen können. Sprachlich: "Nicht wenige Flüchtlinge", so der Kreis, seien bereits muttersprachliche Analphabeten. Entsprechend hoch sei der Bedarf an Kursen. Doch auch dort ist der Erfolg bescheiden: Im Gegensatz zu den Migranten, die das lateinische Alphabet kennen, scheitern die meisten Flüchtlinge am vom BAMF angestrebten B1-Niveau; meistens schaffen sie nur A 2. Für eine berufliche Lehre in Deutschland wären jedoch Sprachkenntnisse in B 2, in einigen Berufen auch B 1 erforderlich. Sprachförderung In Absprache mit dem Jobcenter und der Arbeitsagentur hat die BAMF die Zahl der Integrationskurse erhöht; aktuell laufen fast 100 Kurse bei den vier Volkshochschulen im Kreis und den anderen Anbietern wie DAA, Kolping, Inlingua, etc. Dennoch kommt es zu Wartezeiten. Den Engpass bildet nicht die Förderung des BAMF, sondern der Mangel an Lehrpersonal und Räumen. Nach dem Integrationskurs wechseln einige Flüchtlinge in einen weiterführenden Kurs mit berufsbezogener Sprachförderung. Das BAMF baut derzeit gemeinsam mit dem Jobcenter ein flächendeckendes Netz dafür auf. Bei manchen Flüchtlingen, bei denen das weitere theoretische Lernen wenig sinnvoll erscheint, kommt eine berufsbegleitende Sprachförderung direkt an ihrem Arbeitsplatz (meist Helfertätigkeit) in Betracht. Arbeitsförderung An seinen drei Standorten - Gütersloh, Rheda-Wiedenbrück, Halle - hat das Jobcenter sieben Spezialisten beschäftigt, deren Aufgabe es ist, Sprachkurse für Zuwanderer zu organisieren und deren Teilnahme in einer Eingliederungsvereinbarung festzuhalten. Außerdem erstellen sie Integrationspläne. Um das Potenzial jedes einzelnen schon während des Integrationskurses festzustellen, hat das Jobcenter 260 Maßnahmenplätze eingekauft. Diese werden von Flüchtlingen besetzt, denen man berufliche Kompetenzen bescheinigt, die aber noch gezieltes Coaching brauchen. Die ersten Maßnahmen haben jetzt begonnen. Ab 1. Mai stehen 40 Maßnahmenplätze für Zuwanderer bereit, die neben beruflicher Orientierung Praktika angeboten bekommen sollen. Modellprojekt Das Land NRW und der Europäische Sozialfonds haben im Herbst 2016 ein Projekt für "unternehmensbezogene Anpassungsqualifizierungen" bewilligt. Zwei Scouts sprechen heimische Betriebe an und organisieren die Qualifizierungen, zwei Betreuer kümmern sich darum, die Probleme vor Ort zu beseitigen und Abbrüche zu vermeiden. Die Firmen seien durchaus offen dafür, hätten aber die Erfahrung gemacht, dass vorherige Praktika sinnvoll seien.

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