Geringes Entdeckungsrisiko: Auf den großen Rasthöfen herrscht meist reger Betrieb. Dazu kommt der hohe Lärmpegel an den Autobahnen. - © dpa
Geringes Entdeckungsrisiko: Auf den großen Rasthöfen herrscht meist reger Betrieb. Dazu kommt der hohe Lärmpegel an den Autobahnen. | © dpa

Kreis Gütersloh Entlang der A2-Raststätten gibt es immer mehr Diebestouren

Wenn der Fahrer vorne im Führerhaus schläft, stehlen Diebe die Fracht von der Ladefläche

Patrick Menzel

Kreis Gütersloh. Sie schlagen nachts zu, auf Parkplätzen und Raststätten entlang der Autobahn. In der einen Hand ein Endoskop, in der anderen ein Messer. Während der Lastwagenfahrer in der Kabine schläft, schneiden sie die Plane des Aufliegers auf und bedienen sich in aller Seelenruhe an der Fracht. Sogenannte Planenschlitzer sind zu einem massiven Problem für die Polizei geworden - auch in dieser Region, wie aktuelle Pressemitteilungen der Behörden zeigen. Erst Anfang der Woche entwendeten Diebe auf der Rastanlage Obergassel bei Bielefeld 360 brandneue Flachbildfernseher aus dem Laderaum eines Lastwagens. Wert: knapp 50.000 Euro. Wenige Tage zuvor hatten Unbekannte auf dem Parkplatz des Aurea-Rasthofs in Rheda-Wiedenbrück die Plane eines polnischen Sattelzugs aufgeschlitzt und 190 Fernsehgeräte gestohlen. Keine Einzelfälle, wie Frank Scheulen vom Landeskriminalamt weiß. 678 solcher Delikte hat die Düsseldorfer Behörde bis Anfang November landesweit bereits registriert - das sind schon jetzt 121 Fälle mehr als im gesamten Jahr 2015. Für den Kreis Gütersloh hat das LKA bislang neun Fälle von Ladungsdiebstahl erfasst, 2015 wurden laut Scheulen zwölf Lastwagen aufgeschlitzt. Die Täter gehen nach Auffassung der Polizei zumeist arbeitsteilig und nach demselben Muster vor: Eine Vorhut schneidet einen kleinen Schlitz in die Plane des Lastwagens und sichtet mit Hilfe von Endoskopkameras die Ladung. Scheint sie sich zu lohnen, rückt ein weiterer Diebestrupp mit einem Transporter an, schneidet ein größeres Loch in die Plane und räumt die Fracht aus. Wenn der Fahrer morgens den Diebstahl bemerkt, sind die Planenschlitzer längst über alle Berge. Das Diebesgut ist vielfältig: Fernseher, Laptops, Spielekonsolen, aber auch Reifen, Lebensmittel und Getränke - geklaut wird, was sich gut abtransportieren und schnell zu Geld machen lässt. Laut Hasso Suliak vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft kosten Ladungsdiebstähle die deutschen Transportversicherer jährlich rund 300 Millionen Euro. Einige Speditionen versuchen deshalb, sich beispielsweise mit verstärkten Planen oder in das Plastik eingewebte Metallgitter zu schützen. "Doch hundertprozentigen Schutz gibt es nicht", sagt Michael Buchholz, Inhaber der Gütersloher Spedition SDS Transport und Logistik. Und der Spediteur weiß, wovon er spricht. Vor knapp zwei Jahren haben Ladungsdiebe auch sein Unternehmen heimgesucht. Die Täter hätten zunächst versucht, an die Ladung eines Lastwagens zu gelangen, und stahlen schließlich den kompletten Auflieger vom Betriebshof, sagt Buchholz, der aus dem Vorfall gelernt und entsprechende Sicherheitsmaßnahmen für das Speditionsgelände getroffen hat. Doch auch unterwegs bemüht er sich um Schutz für Fahrer und Fracht. Je nach Ladung und Route wickelt er manche Aufträge nur noch mit zwei Fahrern ab, die ihre Pausen ausschließlich auf bewachten Parkplätzen verbringen. Doch leider seien in Deutschland - im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern - Rastplätze mit speziellen Vorkehrungen wie der automatischen Erfassung von Kennzeichen oder Videoüberwachungen noch Mangelware, so der Spediteur.

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