Ideenreich: Die Ressourcen der Brauerei wurden nicht nur für Bier genutzt. Das Foto zeigt Frauen bei der Marmeladeproduktion. - © Stadtarchiv
Ideenreich: Die Ressourcen der Brauerei wurden nicht nur für Bier genutzt. Das Foto zeigt Frauen bei der Marmeladeproduktion. | © Stadtarchiv

Gütersloh Vor 100 Jahren: Als in Gütersloh das Bier knapp wurde

Die zweite Kriegsweihnacht vor Augen, wettert die Katholische Arbeiterschaft gegen Kriegsgewinnler und Wucherer

Günter Beine

Gütersloh. Die evangelischen Gemeinden im Deutschen Reich verstanden die Luther- und Reformationsfeste im Jahr 1916 als Auftakt für das kommende Jubiläumsjahr 1917. Einem Abendgottesdienst ging ein Vortrag des Direktors des Lyzeums, Dr. Alvermann, voran, der die herausragende Stellung Luthers beleuchtete. "Gewiss habe es auch andere berühmte Männer zu allen Zeiten gegeben, in denen deutscher Geist vorbildlich war", zitierte das Gütersloher Tageblatt, Vorläufer der NW, "aber Luther überrage sie doch alle, denn Luther sei doch so recht ein Erzieher des Volkes, wie ihn kein England und Frankreich aufzuweisen habe." Fahrradbesitzer konnten vorübergehend aufatmen, sofern sie in der Landwirtschaft beschäftigt waren. Nach einem Erlass des Generalkommandos durften die im August beschlagnahmten Gummireifen mit "Rücksicht auf die Einbringung der Ernte und die Durchführung der Herbstbestellung" wieder benutzt werden. Ferner sollten die Reifen im nächsten Frühjahr für einen noch zu benennenden Zeitraum erneut aufgezogen werden dürfen. Wegen Verstoßes gegen die kriegsbedingte staatliche Lebensmittelregulierung, zu der auch die Festlegung von Produkthöchstpreisen gehörte, mussten sich zwei Bäuerinnen aus Avenwedde verantworten. Sie hatten Eier zu überhöhten Preisen verkauft. Die Beklagten beteuerten ihre Unschuld. Bei der Übergabe der Ware habe der Kunde Geld für 30 Pfennig pro Ei mit den Worten, "so werden die Eier jetzt bezahlt", auf den Tisch gelegt. Weil sie das Geld widerspruchslos angenommen haben, wurde jede zu einer Geldstrafe von 5 Mark, ersatzweise einen Tag Gefängnis verurteilt. Die Versorgungslage bereitete auch der Gütersloher Brauerei Probleme. Gerste und Malz unterlagen der staatlichen Lebensmittelkontrolle, weshalb sich das Unternehmen zeitweise mit nur 30 Prozent der genehmigten Braumenge abfinden musste. Dank konsequenter Sparsamkeit sei der Jahresabschluss dennoch besser als derjenige des Vorjahres ausgefallen. "Die Zähne zusammengebissen und ausgehalten bis zum Ende!", forderte der Bezirkspräses der katholischen Arbeitervereine des Bezirks Bielefeld-Wiedenbrück, Pfarrer Strunz, auf der Delegiertentagung in Gütersloh. Wie das Gütersloher Tageblatt berichtete, habe Strunz in seiner Ansprache betont, dass die Arbeiterschaft gewohnt sei, "sich opferwillig durchzuschlagen", so dass sie die aktuelle Mangelsituation nicht von ihrem Siegeswillen ablenken könne. Schlimmer seien "Kriegsgewinner und Kriegswucherer", die den Eindruck erweckten, der Krieg sei ein "kapitalistisches Geschäft". In einer Resolution wurden die Mitglieder aufgerufen, "unvermeidbare Entbehrungen, die der Daseinskampf des Vaterlandes noch fordern könnte, willig und opferfreudig auf sich zu nehmen." Enttäuscht zeigte sich demgegenüber der Stadtverordnete Wilhelm Wolf über die nach seiner Meinung geringe Opferbereitschaft der Gütersloher im Vergleich mit anderen Kommunen. Er beklagte, dass das im Oktober 1915 eingeweihte Kriegswahrzeichen nicht mehr genutzt wurde. Durch das Einschlagen von Nägeln im Wert von 20 Pfennig bis zu zwei Mark in das einer Granate nachempfundene hölzerne Symbol sollten die Einwohner zur Kriegswohlfahrt beitragen. Wolf schlug vor, das Objekt durch eine neue Ausschmückung attraktiver zum machen. "Gewiss würde bei neuen Siegen wieder Gelegenheit genommen werden, der Stimmung durch Nagelung Ausdruck zu geben", so der Stadtverordnete.

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