Den Adventssängern fehlt Nachwuchs. - © Marc Heckert
Den Adventssängern fehlt Nachwuchs. | © Marc Heckert

Gütersloh Gütersloher Adventssängern fehlt der Nachwuchs

Weil sich kaum junge Leute einfinden, droht einer der ältesten Traditionen dieser Stadt irgendwann 
das Ende

Ludger Osterkamp

Gütersloh. Woher die Redensart „in aller Herrgottsfrühe" kommt, weiß man nicht so recht. Von Gott als dem Geber und Herrn der Zeit? Vom Läuten der Glocken zur Frühmesse? Jedenfalls ist sie nirgends derart treffend wie in Gütersloh, wenn an den vier Sonntagen im Advent in aller Frühe der Herrgott gepriesen wird. Doch wie lange noch? Helmut Flöttmann ist einer derjenigen, den diese Frage umtreibt. Der 74-Jährige ist der Sprecher der Adventssänger, bei ihm laufen die Fäden zusammen, wenn es etwas zu organisieren gibt, gemeinsame Anliegen zu besprechen sind. Aktuell ist er vor allem bemüht, eines zu klären: Wie sichern die Adventssänger ihren Nachwuchs? „Wir brauchen junge Leute", sagt Flöttmann, „sonst sehe ich die Gefahr, dass unsere Generation die letzte ist, die diesen schönen Brauch gepflegt hat." Bei „jenseits der 70" siedelt Flöttmann den Altersschnitt jener Sänger ein, die, aufgeteilt in Gruppen, in den Siedlungen dieser Stadt den Lobpreis singen. Sie bewahren damit eine Tradition, die aus dem 18. Jahrhundert stammt und neben dem Nachtsanggeläut die älteste in Gütersloh ist. Dafür nehmen sie einiges auf sich. Ob Frost oder Dauerregen, verlässlich treffen sie sich an 13 Orten, um wie auf den Bahnen eines Arteriensystems an jene Punkte zu gelangen, Kreuzungen meist, an denen sie ihre Choräle vortragen. Manche stimmen an 20 Stationen ihre Lieder an, andere an 30; manche sind zu Fuß unterwegs, andere auf Rädern. Doch die Gruppen, die sich zu nachtschlafender Zeit dafür einfinden, sie sind im Laufe der Jahre und Jahrzehnte überschaubarer geworden – eine Entwicklung, die nicht nur Flöttmann und die evangelischen Gemeinden, sondern auch die Bürger sorgt. Denn das Adventssingen, so viel steht fest, ist eines, das dem Gütersloher am Herzen liegt. Er mag es, die Lieder zu hören, wonnig im Warmen zu liegen, der baldigen Ankunft des Herrn gewahr zu werden. Als vor Jahren ein Leserbriefautor wagte, von „Ruhestörung" zu schreiben, ergoss sich eine Woge des Protestes über ihn. Nie wieder war eine solche Stimme zu hören. Doch die Anteilnahme, Zuwendung, sie beschränkt sich mehr und mehr allein aufs Hinhören. Sicher, viele öffnen das Fenster und bedanken sich, andere bieten einen Tee oder Korn an, wiederum andere richten den Sängern nach deren Runde ein opulentes Frühstück aus – daran hat sich in all der Zeit nichts geändert. „Doch kommen tun leider immer weniger", sagt Flöttmann. Manche Gruppen, einst im guten Dutzend unterwegs, bestünden heute nur noch aus einer Handvoll Aufrechter. Ist das Wetter lausig, Hagel oder Griesel etwa, schrumpft die Gruppe ein weiteres Mal. Flöttmann fürchtet, es wird schwierig, diesen Trend aufzuhalten. Ist es die Bequemlichkeit, ist es der nachlassende Bezug zur Kirche oder zu Traditionen im allgemeinen? Ist es ein Hang, Annehmlichkeiten zu genießen, aber nichts dafür zu tun? Ist es der berufliche Druck, der dem Arbeitnehmer das Gefühl aufnötigt, das Wochenende unbedingt zum Ausschlafen zu brauchen? Die Antworten darauf sind spekulativ. Fakt ist: Jünger als 40, 50 ist kaum jemand. Über 80 dagegen schon. „Wie soll das weitergehen?", fragt Flöttmann. Einst Leiter der Aus- und Weiterbildung bei Miele, ist er seit seinem 14. Lebensjahr dabei, trifft sich mit den Sängern an der Erlöserkirche, freut sich, wenn sein ältester Sohn (45) und einer seiner Enkel (18) mitgehen. In den vergangenen Jahren hat er sich immer wieder um Zusammenhalt bemüht, das jährliche Gruppensingen auf dem Weihnachtsmarkt oder 2006 das große Traditionstreffen mit anschließendem Frühstück in der Stadthalle organisiert. Flöttmann achtet darauf, dass die Gemeindebriefe auf die Tradition und Treffpunkte hinweisen und dass die Zeitungen berichten. Für kommenden Sonntag, dem zweiten Advent, hat er Bürgermeister Henning Schulz als Mitsänger gewonnen, wobei dieser, langjährig CVJM-geprägt, wohl nicht lange hat überredet werden müssen. Schulz wird „Macht hoch die Tür" singen, jenes Lied, das nach vorgegebener Folge am zweiten Advent auf dem Zettel steht. Am ersten Advent wäre es „Wie soll ich dich empfangen" gewesen, am dritten „Mit Ernst oh Menschenkinder" am vierten „Tochter Zion". Eine kleine, statthafte Abweichung von dieser Vorgabe nimmt sich lediglich die Radfahrergruppe heraus, die sich an der Johanneskirche sammelt und von dort aus die Außenbezirke Pavenstädts besingt: Vor der Haftanstalt, neben Hof Maas, singen sie von „Macht hoch die Tür" nur die zweite Strophe, in der es mehr um Heilig- und Sanftmütigkeit geht. Auch Mitarbeiter des Landschaftsverbandes aus Münster schließen sich kommenden Sonntag einer Gruppe an. Sie wollen, sagt Flöttmann, einen Beitrag in der Reihe über alte Bräuche in Westfalen-Lippe drehen. Der Beitrag sei wohl nicht dazu gedacht, ausgestrahlt zu werden, sondern um Eingang ins Landesarchiv zu finden. Flöttmann will dafür sorgen, dass es um Gottes Willen kein Abgesang wird. Ein Hosianna, das wäre schön.

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