Vergessene Geschichte: Ausstellungsmacher und NW-Lokalchef Jens Ostrowski hat für sein Projekt auch Renate Prescher interviewt. Die gebürtige Riesaerin wohnt heute in Ummeln und gehört mit ihrem Mann Karl-Heinz zu den 79 Unterzeichnern der Petition. - © Patrick Menzel
Vergessene Geschichte: Ausstellungsmacher und NW-Lokalchef Jens Ostrowski hat für sein Projekt auch Renate Prescher interviewt. Die gebürtige Riesaerin wohnt heute in Ummeln und gehört mit ihrem Mann Karl-Heinz zu den 79 Unterzeichnern der Petition. | © Patrick Menzel

Gütersloh Ausstellung zum Freiheitskampf in der DDR

Die Ausstellung wird am Tag der Deutschen Einheit mit einem Podiumsgespräch eröffnet

Eike J. Horstmann

Gütersloh. Eine Unterschrift schuf Hoffnung. Durch die Unterzeichnung der KSZE-Schlussakte von Helsinki verpflichtete sich 1975 der Staatschef der DDR, Erich Honecker, die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte einzuhalten. Diese beinhaltete für die Ostdeutschen einen immens wichtigen Passus: Artikel 13 besagt, dass jeder Mensch das Recht hat, jedes Land, einschließlich sein eigenes, zu verlassen. Bedeutete dies etwa Freizügigkeit für DDR-Bürger? Mitnichten. Diejenigen, die sich darauf beriefen, erlebten die volle Härte des SED-Unrechtsstaates. An das Schicksal von 79 von ihnen, die Unterzeichner der sogenannten „Riesaer Petition" erinnert die Ausstellung „Hilferufe aus Riesa", die ab dem 3. Oktober im Stadtmuseum gezeigt wird. Im Rahmen des 2003 begonnenen Ausstellungszyklus „Geschichte der deutschen Teilung und Einheit" werden bis zum 4. Dezember die Geschehnisse eines weitgehend unbekannten Freiheitskampfes in der ehemaligen DDR präsentiert. Kurator der Schau ist Jens Ostrowski, Lokalchef der Neuen Westfälischen in Gütersloh. Der gebürtige Dortmunder war von 2011 bis 2015 bei der Sächsischen Zeitung Leiter der Lokalredaktion Riesa. Als er nach seinem Umzug in die sächsische Mittelstadt erfuhr, dass bislang niemand die Geschichte der in Riesa angesiedelten Stasi-Kreisdienststelle erforscht hatte, war dies für ihn eine Steilvorlage. Denn die „Riesaer Petition zur vollen Erlangung der Menschenrechte" – so der komplette Titel des Papiers vom 10. Juli 1976 – war der bis dahin größte Zusammenschluss von Regimegegnern in der DDR seit dem Aufstand vom 17. Juni 1953. „Es ist ein Stück vergessene deutsch-deutsche Geschichte", sagt Ostrowski. Wie nahe diese Geschichte auch ein Vierteljahrhundert nach dem Zusammenbruch der DDR-Diktatur selbst in Gütersloh ist, weiß die heute in Ummeln lebende Renate Prescher aus erster Hand: Sie gehörte zu den 79 Menschen um den Mediziner Karl-Heinz Nitschke, die mit der Petition um ihre Freiheit kämpfen wollten. „Wir hatten das Gefühl, dass wir in der DDR eingesperrt waren", sagt Prescher. Sie und ihr Mann waren sich damals einig: „Wir müssen hier weg." Nach der Unterzeichnung der Petition wurde aus dem Gefühl bittere Gewissheit. Mehr noch: Die Staatssicherheit versuchte, die Preschers systematisch zu schikanieren, zu drangsalieren und letztlich zu brechen. Andere Petitionäre landeten gar im Gefängnis, wo sie der Willkür der SED-Schergen vollends ausgeliefert waren. „Einige haben sogar Scheinhinrichtungen miterlebt", berichtet Ostrowski. „Sie wurden fertig gemacht." Nur die Hartnäckigsten durften dann doch irgendwann in die Bundesrepublik ausreisen. Für die Preschers war dies 1982 nach sechs langen Jahren der Fall. Der lange Arm der Stasi ließ sie jedoch auch in Bielefeld nicht los: Karl-Heinz Prescher, der seiner Familie über Jahre hinweg Kraft gegeben hatte, wurde depressiv und nahm sich 2002 das Leben. Die Ausstellung „Hilferufe aus Riesa" wird am 3. Oktober um 11.30 Uhr mit einem Podiumsgespräch eröffnet. Zu Gast sind neben Kurator Jens Ostrowski auch Zeitzeugin Renate Prescher, Bürgermeister Henning Schulz und Karl Hafen von der Internationalen Gesellschaft der Menschenrechte, die nicht nur DDR-Bürger unterstützt hat, sondern auch Herausgeber der Ausstellung ist.

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