Einsamkeit: Nur auf sich gestellt, war Daniel Kassner unter anderem eine Woche in der namibischen Ai-Ais-Wüste unterwegs. - © Daniel Kassner
Einsamkeit: Nur auf sich gestellt, war Daniel Kassner unter anderem eine Woche in der namibischen Ai-Ais-Wüste unterwegs. | © Daniel Kassner

Gütersloh Trotz Verletzung radelt Gütersloher weiter quer durch Afrika

Ein Schlüsselbeinbruch hielt Daniel Kassner auf, stoppte ihn aber nicht. Ein besonderes Erlebnis wartet nun in Botsuana

Michael Schuh

Gütersloh. Unverhofft kommt oft. So genau der Gütersloher Daniel Kassner seine einjährige Fahrradtour quer durch Afrika im Vorfeld auch geplant hatte, so schnell musste er feststellen, dass Zufälle jede Planung über den Haufen werfen können. Starker Gegenwind, zu viel Ballast und nicht zuletzt ein Schlüsselbeinbruch haben dem ursprünglichen Konzept einen Strich durch die Rechnung gemacht. Doch der 30-Jährige hat auch viel Positives erlebt und wird seinen Weg durch den schwarzen Kontinent fortsetzen. Am 9. Mai war der Gütersloher Postbote, der sich ein Jahr freistellen ließ, mit Rad und Gepäck ins Flugzeug Richtung Kapstadt gestiegen, wo ihn bereits die erste Überraschung erwartete: "Viele Leute zu Hause glauben, Afrika bestünde nur aus Wüste, Regenwald und Krieg. Doch hier war von 'Dritter Welt' oder ähnlichem keine Spur - Kapstadt ist sehr westlich." Vom Kulturschock somit zunächst verschont, startete seine Tour vom südlichsten Punkt des Kontinents; entgegen der landläufigen Meinung ist dies nicht das Kap der Guten Hoffnung, sondern Cape Agulhas. Von dort radelte Kassner bis Kapstadt 200 Kilometer und weitere 300 Kilometer nördlich in das kleine Örtchen Klawer. Dort hinterließen das fremde Land und der ungewohnte Lebenswandel dann aber ihre Spuren. "Ich hatte mein erstes Tief", erinnert sich Kassner, "und bin mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurück nach Kapstadt, wo ich eine Woche geblieben bin, um noch einmal neu zu starten." Nun ging der Gütersloher die Sache wesentlich entspannter an und umfuhr - im Gegensatz zum ersten Versuch - die Hauptstraße. Für den Nicht-Landeskundigen mag sich das wie eine gemütliche Radtour anhören, doch ein Blick auf die Landkarte verdeutlicht: Auf seinem Weg nach Namibia brachte Kassner bereits in den ersten Wochen hunderte und aberhunderte Kilometer hinter sich. In Namibia durchquerte der 30-Jährige eine Woche lang die Ai-Ais-Wüste, um sich anschließend 350 Kilometer bis Windhoek mitnehmen zu lassen: "Der Gegenwind in Kombination mit der Steigung wurde mir zu heftig." Bruch des linken Schlüsselbeins  Der Aufenthalt in Namibias Hauptstadt gestaltete sich dann länger als die geplanten zwei Wochen - aus einem unerfreulichen Grund: Kaum wieder auf der Piste, stürzte der 30-Jährige und zog sich einen Bruch des linken Schlüsselbeins zu. "Zum Glück besitzen die Privatkrankenhäuser in Namibia europäischen Standard", hatte Kassner Glück im Unglück, wurde gut behandelt und setzt seine Tour derzeit schon wieder fort. Überhaupt machte der Gütersloher die Erfahrung, dass eine Afrika-Durchquerung auf zwei Rädern sowohl psychisch als auch physisch gewaltige Ansprüche an den Protagonisten stellt: In Südafrika sah er sich mit Rassismus konfrontiert und musste die ungewohnten Eindrücke erst einmal verarbeiten; außerdem machte dem 30-Jährigen der Nordwind, der ihm heftig ins Gesicht blies, zu schaffen. Und trotzdem: die positiven Erfahrungen überwiegen. "Schöne Erlebnisse sind meist der Kontakt zu den Einheimischen und die Einsamkeit der Natur", sagt Kassner. "Besonders die Fahrt durch die Wüste war ein Erlebnis, das ich nicht mehr missen möchte." Strauße und Springböcke hat der Ostwestfale bereits vom Fahrrad aus gesehen, Warzenschweine, Giraffen oder Zebras bislang nur aus dem Auto. "In Botsuana freue ich mich schon auf die Elefanten, auch wenn ich mindestens 20 Meter Abstand halten sollte." EM-Finale in Windhoek Prägend ist zudem der Kontakt zu den Menschen vor Ort, mit denen er als Radfahrer regelmäßig ins Gespräch kommt. So schlug er sein Zelt eine Nacht lang neben dem Schwesternwohnheim einer christlichen Schule auf und war an diesem Abend das Ereignis für die Schüler. In Windhoek schaute er sich das EM-Finale bei Einheimischen im Fernsehen an: "Eine richtig coole Erfahrung." Und noch eine Feststellung machte Kassner fast 10.000 Kilometer Luftlinie von der Heimat entfernt: "Vor allem habe ich gelernt, dass man sich noch so viel vorbereiten kann; wenn man einmal unterwegs ist, sieht die Sache plötzlich ganz anders aus." Zum Beispiel in Sachen Gepäck, mit dem es der Gütersloher im Vorfeld offenbar ein bisschen zu gut meinte: Von Kapstadt schickte er ein zwölf Kilo schweres Paket wieder nach Hause. Derart erleichtert, wartet mit Zentral- und Ostafrika nun der vermeintlich kompliziertere Teil der Reise. Doch Daniel Kassner macht den Eindruck, als habe er sich mit der afrikanischen Lebensweise inzwischen arrangiert. Und wenn dem noch nicht hundertprozentig so sein sollte - bis zu seinem Wiedereinstieg in die Arbeit im Mai 2017 hat er reichlich Zeit dazu.

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