Aufmarsch: Mitglieder der linken Szene unternahmen per Reisebus eine "antifaschistische Landpartie". Bei den Demonstrationen vor den Wohnhäusern der - so die Organisatoren - "Rechtspopulisten und Nazis" wurden die Antifaschisten von einem großen Polizeiaufgebot begleitet. - © Schuh
Aufmarsch: Mitglieder der linken Szene unternahmen per Reisebus eine "antifaschistische Landpartie". Bei den Demonstrationen vor den Wohnhäusern der - so die Organisatoren - "Rechtspopulisten und Nazis" wurden die Antifaschisten von einem großen Polizeiaufgebot begleitet. | © Schuh

Kreis Gütersloh Hausbesuche bei Rechten und "Nazis": NW-Reporter begleitet Antifaschisten

Protest: Demonstranten chartern einen Reisebus und steuern die Wohnsitze von "Rechtspopulisten und Nazis" an

Michael Schuh

Kreis Gütersloh. Unter einer "Landpartie" versteht man für gewöhnlich einen erholsamen Ausflug durch Mutter Natur. Davon konnte in diesem Fall allerdings nicht die Rede sein, denn das Plenum "Courage gegen Rechts" hatte zu einer "Antifaschistischen Landpartie" aufgerufen, die keineswegs der Erbauung dienen, sondern vielmehr "Akteure enttarnen und beim Namen nennen" sollte. Genauer gesagt: Per Reisebus machten sich über 30 Mitglieder der linken Szene auf den Weg nach Harsewinkel, Herzebrock-Clarholz und Gütersloh, um - so der Aufruf - gegen "Biedermänner und Brandstifter" zu demonstrieren. Dass dies vielfach vermummt geschehe, habe einen guten Grund, erläutert eine Teilnehmerin: "Es hat in der Vergangenheit schon Gewalt gegen uns gegeben." Damit es diesmal keinesfalls zu Zwischenfällen kommt, sind die Sicherheitskräfte nahezu omnipräsent: Dem Bus folgen während der gesamten Tour zwei Polizeiwagen; an sämtlichen Haltepunkten werden die Demonstranten bereits von zahlreichen weiteren Beamten erwartet, die Nebenstraßen absperren und die Linken zu Fuß begleiten. Verschwörungen und Extreme Weltbilder Die Harsewinkeler Siedlung wirkt im warmen Licht der frühen Abendstunden geradezu idyllisch: Viele Einfamilienhäuser, gepflegte Vorgärten, spielende Kinder. Umso erstaunter zeigen sich die Anwohner, als der Bus hält, schwarz gekleidete, Sonnenbrillen tragende Menschen aussteigen und ihre Banner ausrollen, auf den Slogans wie "Rechter Hetze offensiv entgegentreten" zu lesen sind. "Um wen geht?s hierbei denn?", möchte ein Nachbar wissen - und erhält umgehend Antwort: Die Gruppe stoppt in der Nähe des Hauses von Udo Hemmelgarn, Vorsitzender im Kreis- und Bezirksverband der AfD. Doch dies, wird per Megafon durchgegeben, sei nicht der einzige Grund für die Demo: "Daneben war er einer der maßgeblichen Organisatoren des Alternativen Weltkongresses 2015". Die dortigen Redner hätten sich durch eine Nähe zu Verschwörungsideologien und rechtsextremen Weltbildern ausgezeichnet, schallt es aus der Flüstertüte, ehe sich der Tross wieder auf den Weg macht. Ein Sammelsurium aus Absurditäten Und der ist nicht weit, denn nur wenige Schritte entfernt wird erneut Station eingelegt; diesmal, um Hans-Michael Woitzyk die Meinung zu geigen. In ihrer Durchsage gehen die Linken auf die Blogseite "Harsewinkel Echo" ein, die namens- und fast zeitgleich mit Woitzyks Facebook-Seite eingerichtet worden sei. "Wer ganz viel Langeweile und eine extrem hohe Frustrationstoleranz hat", so der Redner, "kann sich selbst ein Bild des geistigen Notstands der rechten Betreiber machen und sich das Sammelsurium aus völkischen, rassistischen, antisemitischen, sexistischen und homophoben Absurditäten ansehen." Dann erklingt ein Sprechchor: "Nazis raus!" Geschäftsbeziehungen im Industriegebiet Nachdem alles gesagt ist, begibt sich der Bus in Richtung Clarholzer Industriegebiet; der Grund für den dortigen Halt verdeutlicht ein Flugblatt: "Heute besucht Courage gegen Rechts Frau Brigitte Hell." In der Ansprache vor dem Wohnhaus der Besuchten, die laut Organisatoren seit Jahren in einer Lebensgemeinschaft mit dem Neonazi Meinolf Schönborn lebe, fragen die Demonstranten nach einer möglichen Verflechtung Hells in Schönborns Geschäfte. Wenige Anwohner beobachten die Szenerie. Darunter ein Mann mit einem beängstigend kräftigen Hund. Nichts wie los. Rechter Rap und Nazi-Aufmärsche Ein letzter Halt wird an der Ecke Hohenzollern-/Vennstraße in Gütersloh eingelegt, wo Dennis Fette und Julian Fritsch im Fokus stehen. Fritsch veröffentliche als "Makss Damage" einen von Rassismus, Antisemitismus und Gewaltfantasien geprägten Rap, erklärt der Redner. Fette indes sei regelmäßiger Teilnehmer an Nazi-Aufmärschen. Bevor sich die Versammlung auflöst, richtet sie sich an die Nachbarn: "Wenn Sie ihn das nächste Mal treffen, sagen Sie ihm, was Sie von seinen Aktivitäten halten."

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