Gedenken: NW-Mitarbeiter legt an Muhammad Alis Geburtshaus einen letzten Gruß an den Größten nieder. Erst seit wenigen Wochen ein Museum, ist das überschaubare Gebäude spätestens seit dem Tod der Box-Legende zu einer Pilgerstätte geworden. - © Michael Schuh
Gedenken: NW-Mitarbeiter legt an Muhammad Alis Geburtshaus einen letzten Gruß an den Größten nieder. Erst seit wenigen Wochen ein Museum, ist das überschaubare Gebäude spätestens seit dem Tod der Box-Legende zu einer Pilgerstätte geworden. | © Michael Schuh

Gütersloh Trauerschleife für Ali: Ein Gruß aus Gütersloh an den Größten

NW-Mitarbeiter Michael Schuh berichtet, was er in Alis Geburtsstadt erlebt hat

Michael Schuh

Gütersloh. Eine einzige Trauerschleife ziert das Grab des Größten. Und dieses bedruckte Stück Stoff stammt aus Gütersloh, genauer gesagt aus der Friedhofsgärtnerei "Blumen Grawe". Denn als Fan von Muhammad Ali wollte ich nicht nur mit meiner Schwester Kristin Weldon, sondern auch mit einem persönlichen Gruß aus meiner Heimatstadt Hohenlimburg zur Beerdigung Alis nach Louisville/Kentucky fliegen. Und als Mitarbeiter der NW-Redaktion Gütersloh lag es nahe, besagte Schleife von einem örtlichen Unternehmen, in diesem Fall Blumen Grawe, anfertigen zu lassen, und anschließend noch mit zwei Hohenlimburger Wappen zu verzieren. Mal ehrlich: Dass dieser letzte, in der Dalkestadt angefertigte Gruß einen derart prominenten Platz einnehmen und von Bild-Online ebenso wie von amerikanischen TV-Sendern gezeigt würde, hätte ich im Vorfeld nie zu träumen gewagt. Mit Bildern von einem mit unzähligen Kränzen bestückten Grab vor Augen, erreichten wir Alis Ruhestätte auf dem Cave Hill Friedhof in Louisville - und mussten uns eines Besseren belehren lassen. Denn die US-Amerikaner scheinen die deutsche Kranz- und Schleifen-Tradition nicht zu teilen: In unmittelbarer Nähe lagen zwar eine Türkei- und eine Wales-Flagge, auf dem Grab selbst jedoch nur Blumen und ein paar kleinere Fotos. Vermutlich gerade deshalb erkundigte sich der zuständige Ordner nach der Bedeutung der Aufschrift "Hohenlimburg trauert um den Größten". Die Erläuterung in holprigem Englisch sowie die Tatsache, dass zwei Deutsche 7.000 Kilometer nach Kentucky reisen, um Ali die letzte Ehre zu erweisen, begeisterte den guten Mann aber offensichtlich: Er forderte uns auf, die Schleife abzulegen - und bitte doch mitten aufs Grab. Da lag sie auch gestern noch, wie aktuelle Bilder im Internet belegten. Welch eine Ehre. Der Friedhofsbesuch war aber nur ein Höhepunkt dieser emotionalen und erlebnisreichen Reise. Sofort nach der Ankunft im 34 Grad heißen Louisville wurde deutlich, wie viel der berühmteste Sohn seiner Geburtsstadt bedeutet: An ungezählten Masten und Bäumen erinnerten Plakate an den Größten, auf Werbebildschirmen prangte statt Cola-Reklame sein Konterfei, die städtischen Mitarbeiter - vom Straßenfeger bis zum Büro-Angestellten - trugen einheitliche T-Shirts mit der Aufschrift "I AM ALI", auf den elektronischen Hinweisschildern der Busse leuchtete anstelle der Endstation der Slogan "Ali - the Greatest". Vor dem riesigen Museum namens Ali Center, wo Besucher Blumen, Fotos und Zeichnungen niederlegten, war die alles prägende Stimmung dann geradezu greifbar: Denn Louisville trauerte nicht nur, es feierte den Sportler, Politiker und Friedensaktivist zugleich. Oder, um ein abgewandeltes Ali-Zitat zu verwenden: Die Menschen flatterten wie Schmetterlinge, obwohl sie der Schmerz wie ein Bienenstich getroffen hatte. Das galt vor allem für die Prozession durch die gesamte Stadt, als Zigtausende dem Leichenwagen zujubelten und ihn mit Blumen bewarfen, anderen am Straßenrand indes Tränen in den Augen standen. Bei der anschließenden Gedenkfeier im fast 20.000 Zuschauer fassenden "KFC Yum! Center" fanden Redner wie Bill Clinton oder Billy Cristal bewegende Worte, entlockten den Besuchern aber auch so manchen Lacher und natürlich "Ali, Ali"-Sprechchöre. Und Hand aufs Herz: Der extrovertierte Fighter, der von sich selbst behauptete, der schwerste Kampf seines Lebens sei der gegen seine erste Ehefrau gewesen, wird?s von weit oben mit einem Schmunzeln registriert haben. Die Eintrittskarten für die längst ausverkaufte Veranstaltung hatte uns eine unbekannte Frau übrigens kurz vor Beginn geschenkt. Auch das war Louisville in Zeiten der Trauer. Danach waren die USA aber wieder ganz die USA: Man jubelte auf der Straße Promis wie dem von Bodyguards umgebenen Mike Tyson oder den Ali-Töchtern zu und machte Selfies mit nicht ganz so populären Stars. Mein persönliches Highlight: Ein Schnappschuss mit Ex-Schwergewichtsweltmeister Shannon Briggs, auf dem deutlich zu erkennen ist, dass ein 1,89 Meter großer Journalist neben einem Box-Champion verdammt klein aussehen kann. Zuletzt stand für uns ein Besuch des Geburtshauses Alis, seit wenigen Wochen ebenfalls ein Museum, auf dem Programm. Mit dem Linienbus ging es quer durch heruntergekommene Viertel, in denen ausschließlich schwarze Menschen auf den Treppen der wenigen noch bewohnten Häuser saßen. Ein trauriges Bild. Daran konnte selbst der Größte nichts ändern.

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