Radeln im feinen Zwirn: Tweedsakkos und Karomuster, wohin der Blick auch fällt. Dazu historische Zweiräder, die teils aus den Anfängen des vergangenen Jahrhunderts stammen. - © Robert Becker
Radeln im feinen Zwirn: Tweedsakkos und Karomuster, wohin der Blick auch fällt. Dazu historische Zweiräder, die teils aus den Anfängen des vergangenen Jahrhunderts stammen. | © Robert Becker

Gütersloh Radeln im Retro-Look beim Gütersloher "Tweed Run"

3. Gütersloher Tweed Run: Historische Fahrräder und stilechte Kleidung

Robert Becker

Gütersloh. Die schon ausgeteilten Regenponchos konnten schnell wieder eingesammelt werden. Das Aprilwetter drehte am Nachmittag auf Sonnenschein. So radelten die 70 Starter kurz nach Mittag bester Laune auf ihren historischen Rädern. Nahezu alle hatten sich schön fertig gemacht, trugen die der Zeit vor 100 Jahren angelehnte Kleidung. Manch eine Dame hatte sich draußen vor dem Stadtmuseum schnell noch die Haare legen lassen; Männer konnten sich die Bärte trimmen oder zwirbeln lassen. Mit einer Pause im Palmenhauscafé inklusive beendete die "Tweed-Runner" nach drei Stunden ihre Tour durch das Grün des Gütersloher Westens entlang der Dalke ganz in britischer Manier: Am Stadtmuseum gab es einen "Five O'Clock Tea" zum Ausklang. Michael Greis aus Bielefeld nahm zum dritten Mal teil. Mit seiner Uniform der Preußischen Landespolizei und Pickelhaube stach Greis bei der Startaufstellung vor dem Stadtmuseum klar aus dem Feld der Radler heraus. "Die Uniform ist von 1928", sagte Greis, der sich jedes Jahr ein anderes Thema zum Tweed-Run überlegt. Sein Rad des Bielefelder Herstellers Göricke ist noch vier Jahre älter. Einen fetzigen Renner hatte der Barbier André Lichtenscheidt dabei. Der war aus Düsseldorf angereist, macht pro Jahr rund 20 Touren dieser Art, unter anderem in den Beneluxländern und England. In Gütersloh schwang sich Lichtenscheidt auf eine altertümliche Rennsemmel. Der Betreiber des Barber-Shops hatte mutmaßlich den schönsten gezwirbelten Bart im Feld. Sein Angebot, Bärte zu trimmen, wurde aber nur zögerlich - von drei Männern - angenommen. "Das wird nächstes Jahr besser, das braucht Zeit", sagte er. Mit einem Hochrad war der Warburger Lorenz Sander unterwegs. Der 41-Jährige hatte das Familienerbstück, eine Replika ("Kayser Imperial") aus den 80er Jahren, erst vor drei Wochen vom Dachboden geholt, entstaubt und fahrtüchtig gemacht. Er habe das Hochradfahren lernen müssen, berichtete Sander von intensiver Vorbereitung während der letzten Tage. Allerdings radelt es sich auf dem Hochrad wenig komfortabel: Die Reifen sind aus Vollgummi. Sein Outfit hatte er optimiert mit einer Brille seines Urgroßvaters. Die stammte aus einem Brillengeschäft von 1829 - die Verpackung von damals hatte Sander dabei. Einen Hype hat der Gütersloher Arlindo Lourenco in seinem Bekanntenkreis ausgelöst. Nachdem Lourenco vergangenes Jahr mitgeradelt war, hatte er jetzt mit Heike und Rolf Hallstein aus Paderborn und Sylvia Hulin aus Hövelhof weitere "Tweed"-Begeisterte zum Mitmachen motiviert. Das Quartett ist sich ansonsten durch nostalgische Autos verbunden. Sylvia Hulin hatte sich die Tweedhose selbst geschneidert, die Jacke ausgeliehen und die Haare von der Nachbarin frisieren lassen. In nostalgische Kleidung waren auch die Veranstalter gehüllt. Museumsleiter Rolf Westheider radelte zwar nicht, begrüßte aber ganz in Tweed gehüllt die Gäste, die sich am Mittag im Museumshof drängten. Eva Willenborg und Jan-Erik Weinekötter vom Stadtmarketing radelten mit, Willenborg vorn und Weinekötter als Schlussfahrzeug. Am Start, als sich alle Tweed-Runner mit den historischen Rädern auf der Kökerstraße aufgebaut hatten, entstand ein Bild wie vor 100 Jahren. Im Kontrast dazu standen die Zuschauer im Spalier. Ein Mittsechziger in Jeans und Sweatshirt kommentierte lakonisch: "Ich habe gefragt, ob ich auch mitfahren kann, aber man hat mir gesagt, ich sehe zu neu aus."

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