Krankenfahrstuhl "Westfalia" - Stadtmuseum - © Martin Wedeking
Krankenfahrstuhl "Westfalia" - Stadtmuseum | © Martin Wedeking

Gütersloh Sammlung historischer Rollstühle im Stadtmuseum Gütersloh

Krankenfahrstuhl auf drei Rädern

Gütersloh. Das Stadtmuseum Gütersloh verwahrt in seiner Sammlung eine ganze Reihe historischer Rollstühle, die für Ausstellungszwecke und als Requisiten stark nachgefragt werden. Soeben zurückgekehrt aus der Ausstellung "200 Jahre Westfalen" im Museum für Kunst und Kulturgeschichte in Dortmund ist das dreirädrige "Handbetriebs-Fahrrad" - so lautet die Firmenbezeichnung für Rollstühle mit Hebelantrieb - mit der Typenbezeichnung "Westfalia Nr. 37a". Es stammt aus der "Ersten Oeynhauser Krankenfahrzeug-Fabrik H. W. Voltmann" in Bad Oeynhausen und wurde dort um 1930 hergestellt. Das vor allem von Kriegsinvaliden benutzte Dreirad wird mit beiden Hebeln über die Hinterachse angetrieben und ist über eine Kette lenkbar, indem man den rechten Hebelgriff dreht oder einen eigenen Lenkhebel betätigt. Der Wagen verfügt auch über eine Feststellbremse. Während die Fahrradklingel zur Ausstattung gehörte, ist die Fahrradbeleuchtung später vom Besitzer nachgerüstet worden. Die Firma Voltmann führte als erster Hersteller die abschaltbaren Hebel ein: Durch einen einfachen Dreh können die beiden Antriebshebel unabhängig voneinander abgekoppelt werden, so dass sie sich beim Fahren nicht weiter mitbewegen - etwa wenn man geschoben wird, ein Gefälle herunterfährt oder sie am Tisch nicht braucht. Der aus Gütersloh stammende Schlossermeister Heinrich Wilhelm Voltmann eröffnete 1871 im königlich-preußischen Staatsbad Oeynhausen im östlichen Westfalen eine Schlosserei, die sich wahrscheinlich bereits zu Beginn auf die Bedürfnisse der zahlreichen Rollstuhlfahrer des Kurortes einstellte. Die bis Ende der 1970er Jahre existente Firma kann als erste deutsche Rollstuhlfabrik gelten - zuvor lässt sich eine industrielle Fertigung der damals noch "Krankenfahrstuhl" genannten Mobilitätshilfen in Deutschland noch nicht nachweisen. Ihre Produkte waren im gesamten deutschsprachigen Bereich verbreitet. Die dreirädrigen "Selbstfahrer" mit Handhebelantrieb sind wohl eine Neuerung des Leipziger Herstellers Louis Krause um 1900, die Abschaltmöglichkeit führte Voltmann ein. Ein weiterer Hersteller aus der Nähe von Bad Oeynhausen, die ursprünglich in Vlotho ansässige Firma Wilhelm Meyer (Meyra), baute diese Art von Rollstuhl noch bis Ende der 1970er Jahre seriell. Nach ihrem Umzug in die Nachbargemeinde Kalletal wurden aus noch vorhandenen Ersatzteilen zu Beginn der 1980er Jahre gelegentlich auf Wunsch noch einzelne Wagen individuell angefertigt. Manche Kriegsversehrte - nunmehr des Zweiten Weltkriegs - wollten auf ihr gewohntes Fahrzeug nicht verzichten.

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