Tatortfotos der Polizei: In dieser Efeuhecke auf dem Parkplatz des Media-Marktes hatten Nachbarn den Säugling gefunden. Er war in mehrere Plastiktüten (kleines Foto) eingewickelt. - © Patrick Menzel
Tatortfotos der Polizei: In dieser Efeuhecke auf dem Parkplatz des Media-Marktes hatten Nachbarn den Säugling gefunden. Er war in mehrere Plastiktüten (kleines Foto) eingewickelt. | © Patrick Menzel

Gütersloh Mutter von ausgesetztem Baby vor Gericht

Die Fakten vor dem Prozessauftakt

Patrick Menzel

Gütersloh. Was ging bloß in dieser Frau vor? Nach der Geburt steckte Leiharbeiterin Mihaela C. (39) ihr eigenes Baby in Plastiktüten und legte es in ein Gebüsch. Am Donnerstag beginnt am Landgericht Bielefeld der Prozess gegen die Mutter des Jungen, der nur mit Glück überlebte. Sie ist wegen versuchten Totschlags angeklagt. Der Fund Am Abend des 14. Juni hören Anwohner der Vennstraße hinter der Mauer ihres Gartens ein Wimmern. Sie gehen dem Geräusch nach und finden im Dickicht einer Efeuhecke eine rote Rewe-Tüte. Darin und in weitere Tragetaschen eingewickelt liegt das erst wenige Stunden alte, stark unterkühlte Baby. Die Ermittlungen Die Ermittlungen der Sonderkommission "Meinhard" - benannt nach dem Namenstag für das Datum, an dem der Säugling gefunden wurde - gestalten sich zunächst schwierig. In den ersten Tagen gehen nur sehr wenige Hinweise bei der Polizei ein. Die Beamten entschließen sich zu einem ungewöhnlichen Schritt: Sie lassen 2.000 Handzettel und Plakate drucken und verteilen diese an Supermärkten und Geschäften. Der Durchbruch gelingt der Polizei schließlich 25 Tage nach der Tat bei der Befragung der Anwohner des Fundortes. Als Beamte die Bewohner eines Wohnheims für Leiharbeiter an der Einmündung von Ziethenstraße und Friedrich-Ebert-Straße vernehmen, berichten zwei Frauen von auffälligen und unerklärlichen Gewichtsschwankungen ihrer Nachbarin. Eine damals 38-jährige Leiharbeiterin wird daraufhin von der Polizei festgenommen. Die Mutter Der Arbeit wegen ist die gebürtige Rumänin Mihaela C. 2013 nach Deutschland gekommen. Die Mutter zweier weiterer Kinder (16 und 19 Jahre) bekommt bei der MGM Handels- und Vermittlungs GmbH in Rheda einen Werkvertrag und verdient laut eines Zeit-Artikels bei dem Subunternehmen von Tönnies 820 bis 1.050 Euro im Monat. Davon werden ihr rund 200 Euro für ein Zimmer abgezogen, das sie sich mit weiteren Arbeiterinnen teilen muss. Bei ihrer Vernehmung zeigt sich C. geständig. Als Grund für die Tat gibt sie an, dass der von ihr getrennt lebende Kindsvater die Vaterschaft nicht anerkannt und sie alleine mit dem Kind keine Zukunft gesehen habe. Nach einigen Wochen in Untersuchungshaft darf Mihalea C. das Gefängnis unter Auflagen verlassen, sie wird seitdem im Franziskanerkloster Wiedenbrück betreut. Das Baby Viel ist nicht bekannt über den kleinen Jungen, der seit seiner Entlassung aus dem Krankenhaus in einer Pflegefamilie im Kreis Gütersloh lebt. Nur soviel: "Ihm geht es gut, er entwickelt sich prächtig", sagte Jugendamtsleiter Joachim Martensmeier kürzlich auf NW-Anfrage. Weitere Details zu dem Baby will die Stadt aus Gründen des "Datenschutzes und zum Schutz des Jungen" nicht preisgeben. Die Anklage Die Staatsanwaltschaft wirft Mihaela C. versuchten Totschlag und Kindesaussetzung vor. Laut Anklage soll sie den 2.500 Gramm schweren Säugling im Stehen in einem Rohbau an der Ziethenstraße zur Welt gebracht haben. Anschließend soll C. ihren Sohn noch 15 Minuten im Arm gehalten, ihn dann in die Plastiktüten gesteckt und zum Sterben in dem Gebüsch versteckt haben. Die Strafverfolger gehen davon aus, dass die Frau dabei den Tod ihres eigenen Kindes in Kauf genommen hat. Die Verteidigung Der Bielefelder Rechtsanwalt Dr. Knut Recksiek wird Mihaela C. verteidigen. Nach seinen Worten leide seine Mandantin unter einer dissoziativen Störung, also einer Trennung von zusammenhängenden Gedanken und Wahrnehmungen. Zudem sei C. während der Geburt von einem Gefühlssturm überwältigt worden, der ihr Handeln extrem beeinflusst habe. Dem Vorwurf des versuchten Totschlags widerspricht Recksiek vehement. "Der Tat fehlt jedwedes planerisches Element." Der Prozess Drei Verhandlungstage hat die zehnte Strafkammer unter dem Vorsitz von Richterin Jutta Albert angesetzt. Nach der heutigen Eröffnung muss sich Mihaela C. am 23. und 31. März verantworten, Beginn der Verhandlungen ist jeweils um 9 Uhr in Saal 26 des Bielefelder Landgerichts. Das Urteil Sollte der Prozessverlauf keine überraschende Wendung nehmen, ist am 31. März mit einem Urteil zu rechnen. Im Falle einer Verurteilung droht der Angeklagten eine mehrjährige Haftstrafe. Bis zur Urteilsverkündung gilt für sie die Unschuldsvermutung.

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