Schuldig: Der Angeklagte Jens S. wurde vom Bielefelder Landgericht zu 13 Jahren Haft verurteilt. - © Patrick Menzel
Schuldig: Der Angeklagte Jens S. wurde vom Bielefelder Landgericht zu 13 Jahren Haft verurteilt. | © Patrick Menzel

Gütersloh Doppelmord von Gütersloh: Gericht sieht im Täter nicht den Drahtzieher

Im Revisionsprozess um den Tod eines Geschwisterpaares ist der Angeklagte wegen zweifachen Totschlags zu 13 Jahren Haft verurteilt worden

Patrick Menzel

Gütersloh. Ein erleichtertes Aufatmen geht durch Saal 1 des Bielefelder Landgerichts, als Wolfgang Korte sein Mikrofon einschaltet und geradeaus ins stehende Publikum die beiden Schlagworte sagt: Totschlag und schuldig. Der Vorsitzende Richter hat keinen Zweifel daran, dass Jens S. (30) die Geschwister Helgard G. (74) und Hartmut S. (77) an Heiligabend 2013 in ihrem Haus am Stadtpark mit insgesamt 21 Messerstichen in alle lebenswichtigen Organe tötete. Er soll für 13 Jahre ins Gefängnis. Doch der Fall bleibt umstritten. Nervosität und Anspannung waren dem Angeklagten kurz vor der Urteilsverkündung deutlich anzumerken. Als er den Schuldspruch vernahm, blickte er ungläubig in den Raum und quittierte die Worte des Vorsitzenden mit einem leichten Kopfschütteln. Der Angeklagte hatte die Tat bis zum Schluss bestritten und über seine Pflichtverteidiger Carsten Ernst und Sascha Haring einen Freispruch gefordert. „Er hat auch fest damit gerechnet, dass er aus dem Gefängnis freikommt", sagten die Anwälte. Die erste Strafkammer folgte jedoch im Wesentlichen dem Antrag von Staatsanwalt Christoph Mackel, der zwar auf eine Verurteilung wegen zweifachen Mordes aus Habgier und Heimtücke plädiert, aber eine erneute Haftstrafe von 14 Jahren gefordert hatte. „Nach der Gesamtschau aller Beweise ist das Gericht davon überzeugt, dass Jens S. die Geschwister getötet hat", sagte Korte. Aussage des Mithäftlings war "in sich schlüssig" Sein Urteil stützte der Richter hauptsächlich auf die Aussagen des Zeugen Christian P., dem der Angeklagte während der gemeinsamen Haftzeit die Tat gestanden haben soll. Zwar wisse die Kammer genau, dass „P. ein Profi-Lügner und mehrfach wegen Betrugs vorbestraft ist", dennoch sei seine Aussage „in sich schlüssig" gewesen. Zudem habe er den Ermittlern Details verraten, die er unmöglich aus der Ermittlungsakte habe wissen können. So führte P. die Beamten zu einem Erdversteck, in dem Jens S. 1.100 Euro aufbewahrt hatte. Auch wies er die Ermittler auf ein digitales Dokument über die „21 Techniken des lautlosen Tötens" auf dem Computer des Angeklagten hin. Der wichtigste Punkt, so Korte, sei allerdings gewesen, dass P. detailliert Auskunft über die Reihenfolge der Tötung geben konnte. Demnach ist der Verler zunächst über Helgard G. hergefallen, dann hat er den zu Hilfe eilenden Hartmut S. und schließlich Colliemischling „Benni" erstochen. Zum Zeitpunkt von P.s Akteneinsicht waren die Ermittler allerdings noch von einer völlig anderen Reihenfolge ausgegangen. „Das war Täterwissen", so Korte. Hinzu kämen DNA-Spuren am Tatort sowie das lange Schweigen des Angeklagten gegenüber der Polizei darüber, dass er am Tattag bei den wohlhabenden Geschwistern zu Besuch gewesen war. Korte sieht Verantwortung nicht allein beim Angeklagten Letztlich hätten sich viele kleine Mosaiksteinchen zu einem Ganzen zusammengefügt, sagte Korte, der auch eine Antwort auf die Frage nach einem Motiv für das brutale Handeln des Angeklagten fand. So habe der zurückhaltende und eingeschüchterte Jens S. mit der Tat etwas Außergewöhnliches vollbringen und seine persönlichen Grenzen überschreiten wollen. Doch nach Auffassung des Vorsitzenden ist der Angeklagte nicht allein für den Tod zweier Menschenleben verantwortlich. Als Initiator des grausamen Verbrechens machte Korte den Lebensgefährten der Tochter der getöteten Ärztin, Josef S., aus. Dieser hatte sich verärgert darüber gezeigt, dass die Familie seiner Partnerin das mögliche Erbe durch schlechte Investitionen in eine inzwischen insolvente Firma verpulverte. Sibylle G (42)., die im Revisionsprozess als Nebenklägerin auftrat und in ihrem Plädoyer „Genugtuung" gefordert hatte, kämpfte mit den Tränen, als Korte die Anschuldigungen gegen ihren Lebensgefährten offen aussprach. Zum erneuten Schuldspruch gegen ihren Bekannten ließ sie über ihrem Rechtsanwalt Andreas Trylla erklären, dass sie das Urteil noch schlimmer treffe als das vorherige. Staatsanwalt Christoph Mackel kündigte nach den deutlichen Worten des Richters an, in sich zu gehen und mit den Kollegen über das weitere Vorgehen im noch immer laufenden Ermittlungsverfahren gegen Josef S. beraten zu wollen. Bislang hatten die Mordermittler dem 53-Jährigen einen Anstiftungsverdacht nicht so hieb- und stichfest nachweisen können, dass es für eine Anklage gereicht hätte. Die Verteidiger wollen indes erneut gegen das Urteil vorgehen. Sie haben bereits wenige Stunden nach der Urteilsverkündung per Fax einen Revisionsantrag auf den Weg gebracht. Sie hielten es für nicht begründbar, dass ein Urteil auf der Aussage eines Zeugen fußt, dessen Aussagen schon die Richter im ersten Prozess keinen Glauben geschenkt haben – insbesondere, wenn der Vorsitzende im gleichen Atemzug sagt, dass es sich bei dem Zeugen um einen Profi-Lügner handle, sagten Haring und Ernst im Gespräch mit der NW. Damit wird der Bundesgerichtshof erneut über den Fall befinden müssen. Lesen Sie in unserem Zeitstrahl die Entwicklung des Prozesses um den Doppelmord von Gütersloh an Heiligabend 2013. Klicken Sie dafür auf den Pfeil nach rechts oder nutzen Sie die Zoomfunktion auf der linken Seite:

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