Fachmann: Rudolf Herrmann zeigt eine Laterne, wie sie früher für den Rangierdienst benutzt wurde. - © Marten Siegmann
Fachmann: Rudolf Herrmann zeigt eine Laterne, wie sie früher für den Rangierdienst benutzt wurde. | © Marten Siegmann

Gütersloh Das starke Stück (4): Wegweiser in der Dunkelheit

Bevor elektrische Lampen und Funk beim Rangieren zum Einsatz kamen, halfen Laternen den Eisenbahnern bei der nächtlichen Kommunikation

Vera Breitner

Gütersloh. In der dunklen Jahreszeit sind die Städte von Lichtern und Laternen erleuchtet, die einen noch lange nach Einbruch der Dunkelheit die Orientierung finden und sich sicher durch die Straßen bewegen lassen. Und auch beim heutigen "Starken Stück" handelt es sich um einen Lichtspender in dunklen Nächten - der allerdings nicht auf Straßen, sondern auf Gleisen zum Einsatz kam. Rudolf Herrmann war 44 Jahre lang bei der Eisenbahn und kennt die Laterne so gut wie kaum ein anderer. NW-Mitarbeiterin Vera Breitner befragte ihn zum "starken Stück". Dieses "starke Stück" sieht auf den ersten Blick aus wie eine gewöhnliche Laterne, aber es steckte sicher weit mehr dahinter. Wie und von wem wurde diese Lampe bei der Eisenbahn benutzt? Rudolf Hermann: Benutzt wurden sie überwiegend im Rangierdienst. Der Zugführer eines Güterzuges brauchte Licht, um die einzelnen Wagen in eine Liste einzutragen. Der Wagenmeister benutzte sie zur Inspektion der Wagen. Er musste sich außerdem mit dem Lokführer verständigen, was bei Dunkelheit mittels der Lampe geschah. War so eine große, vielleicht auch etwas sperrige Laterne bei der Arbeit nicht hinderlich? Hermann: Nein, denn man trug sie in das Brustleder eingehakt vor der Brust, da die Rangierer bei der Mitfahrt auf einer Rangierabteilung beide Hände zum Festhalten frei haben mussten. So störte sie auch nicht beim An- oder Abhängen von Wagen, da man sich dabei oft tief bücken musste. Das Zugbegleitpersonal und die Wagenmeister in den Bahnhöfen waren ebenfalls mit Karbidlampen ausgerüstet. Für die Verständigung muss es Zeichen oder Signale gegeben haben, die auch über größere Entfernung noch wahrnehmbar waren. Wie genau wurde das gemacht? Hermann: Bei der Eisenbahn wurden die Signale akustisch und optisch gegeben. Das machte der Rangierleiter einer Kolonne. Er gab dem Rangierlokführer die für die beabsichtigte Fahrt nötigen Signale akustisch mit der Mundpfeife und optisch mit dem Arm, bei Dunkelheit zusätzlich mit einer Laterne in der Hand. Können Sie konkrete Beispiele dafür geben, wie das in der Praxis aussah? Hermann: Sicher. Soll die Rangierabteilung vom Signalgeber wegfahren: mit der Mundpfeife ein langer Ton, zusätzlich senkrechte Bewegung des Arms von oben nach unten. Bei Rangierhalt gibt es mit der Mundpfeife drei kurze Töne schnell hintereinander, zusätzlich kreisförmige Bewegung des Armes. Früher gab es verschiedene Signale, je nachdem, wo man sich aufhielt. Sie wurden erst ab dem Ende des 19. Jahrhunderts einheitlich. Vielleicht noch eine Frage zur Laterne selbst: Sie hat keinen An- und Ausschalter. Wie wurde das Licht entfacht? Hermann: Um so eine Lampe anzuzünden, braucht es einen Einsatz, der unten einen abschraub- baren Behälter für Karbid hat. Darauf ist ein kleiner Wassertank geschweißt, der mittels Schraubventil das Wasser auf das eingefüllte Karbid tropfen lässt. Dadurch entsteht brennbares Gas, das aus einem Brenner ausströmt und entzündet wird. Von wann bis wann waren diese Karbidlampen im Einsatz? Hermann: Karbidlampen gab es bei der Eisenbahn ab Anfang des 20. Jahrhunderts. In den 60er Jahren wurden sie nach und nach durch batteriebetriebene Lampen ersetzt. Kurz danach wurde der Rangierfunk eingeführt. Dadurch wurde es möglich, dass vom Stellwerk und vom Rangierleiter aus direkt mit dem Lokführer gesprochen werden konnte und die Laternen zum Geben von Signalen nicht mehr erforderlich waren. Werden die Laternen heute gar nicht mehr als Signalgeber eingesetzt? Hermann: Nein. Heute dient die Laterne nur noch zu Beleuchtungszwecken um bei Dunkelheit Anschriften und so weiter an Wagen zu erkennen.

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