Handlich: Mit dem Trockenrasierer "Accura" wollte das schweizerische Unternehmen Thorens vor rund 50 Jahren den Markt erobern. Doch das Gerät setzte sich nicht durch - wie auch die bedrohlich wirkende Trockenhaube im Hintergrund. - © Raimund Vornbäumen
Handlich: Mit dem Trockenrasierer "Accura" wollte das schweizerische Unternehmen Thorens vor rund 50 Jahren den Markt erobern. Doch das Gerät setzte sich nicht durch - wie auch die bedrohlich wirkende Trockenhaube im Hintergrund. | © Raimund Vornbäumen

Gütersloh Das starke Stück (3): Die Eintagsfliege unter den Rasierern

Das starke Stück (3): Mit einem aufziehbaren Trockenrasierer sollten sich die Männer immer und überall die Barthaare stutzen können. Doch die Erfindung verschwand - bis auf ein Exponat im Stadtmuseum

Vera Breitner

Gütersloh. Auch diesen Monat wieder hat das Stadtmuseum eine neue Kuriosität aus den Tiefen seines Magazins zu Tage gefördert. Ein Objekt, das zumindest in seiner Funktion jedem Leser aus seinem alltäglichen Leben bekannt sei dürfte. Doch Form, Design und letztlich auch die dahinter steckende Technik unterscheidet sich deutlich von dem, was heutzutage allmorgendlich im Badezimmer brummt. Das Gerät der Marke "Accura", hergestellt von der schweizerischen Firma Thorens, ist ein sogenannter Trockenrasierer zum Aufziehen. Eher eine Eintagsfliege unter den Rasierern, wurden diese Apparate vornehmlich in den 50er Jahren produziert - also in einer Zeit, in der so mancher Industriezweig durch die zunehmend mobiler werdende Gesellschaft einen Markt für sich meinte erschließen zu können. In diesem Fall setzten die eidgenössischen Tüftler darauf, dass es eine größere Nachfrage nach Trockenrasierern geben müsste, die auf kein Stromnetz angewiesen sind. Einige Konkurrenzprodukte verzichteten zwar auf einen Stecker, doch ganz ohne Strom funktionierten sie nicht: Die Rasierer mussten noch an Autobatterien oder ähnliches angeschlossen werden. Doch es war eben diese Bemühung der Branche, das Rasieren aus dem häuslichen Badezimmer heraus zu holen, die zur Entwicklung auch des "Accura"-Modells geführt hat. An Kreativität und Vorstellungskraft fehlte es den Herstellern und der Werbung nicht. Sie hatten die Vision von weltgewandten Männern, die sich immer und überall rasieren konnten und versprachen sich zahlreiche Abnehmer unter den Reisenden, Pendlern und Sportlern. Der sich im Büro noch schnell vor dem Meeting rasierende Mann sollte zum Zeichen für Modernität werden. Es war nicht so, dass Trockenrasierer per se nicht beliebt gewesen wären, ganz im Gegenteil. Die ersten Entwürfe für einen mechanisch angetriebenen Rasierer datieren zurück ins 18. Jahrhundert. 1847 wurde dann in ein erstes, funktionsfähiges Modell in Deutschland patentiert. Von dort war es bis zum aufziehbaren Rasierapparat mit Federwerk noch ein langer Weg, doch der Trend war deutlich erkennbar. Trockenrasierer waren eine Art Statussymbol, denn in den 50ern waren sie noch teuer und nicht in jedem Haushalt zu finden. Sie waren meist weniger zeitaufwendig und einfach in ihrer Handhabung, was die Hersteller dazu bewogen haben mag, das eigentlich schon gut funktionierende System, noch einfacher und bequemer machen zu wollen. Allerdings zeigt der Lauf der kurzen Geschichte der aufziehbaren Rasierer, dass dieser Schuss nach hinten losging. Das könnte damit zusammenhängen, dass die Geräte nicht immer halten konnten, was die Werbung versprach. Schneller, besser, einfacher, das Prinzip war schon damals kein anderes als heute, doch auch wenn es nicht von der Hand zu weisen war, dass der "Accura" und andere ihm verwandte Apparate weder ein Stromnetz noch eine Batterie brauchen, so schienen die Vorzüge der Innovation damit auch schon am Ende gewesen zu sein. Das ständige Aufziehen während der Rasur war den Männern zu lästig und auch die Umdrehungszahlen, die die Scherköpfe auf diesem Wege zustande brachten, waren zu gering für eine zufriedenstellende Rasur. Und schlussendlich erschloss sich den Deutschen der 50er Jahre die Notwendigkeit solcher Geräte nicht, wo sie doch in einem völlig elektrisierten Land lebten. Der aufziehbare Trockenrasierer blieb also bestenfalls eine Fußnote in der Geschichte der Rasur, denn schon 1960 erschien das letzte Modell dieser Gattung - bevor sie dann klammheimlich aus den Regalen der Händler und somit von der Bildfläche verschwanden. Heute findet man sie noch auf Ebay oder eben im Museum, während es vereinzelt Stimmen gibt, die den Gebrauch solcher Geräte in unserer Zeit zum Wohle der Umwelt begrüßen würden. Ob es zu einem Revival von "Accura" u. Co. noch kommt, das wird man jedoch sicherlich bezweifeln dürfen.

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