Gütersloh Jazz in GT: Quietschvergnügte Bühnenperformer

Das Stephan Becker Trio feat. Kenny Wesley begeistert in der Stadthalle

Rainer Schmidt

Gütersloh. Es wirkt, als stünden die drei Instrumentalisten in ihrem Eröffnungsstück unter ungeheurem Druck. Jedoch keinen, der sie lähmen oder in irgendeiner Weise in ihrem Tun behindern würde. Ein jeder legt alles, was er hat, in flirrende, weite Intervallsprünge auskostende Klangkaskaden, hart swingende Schlagabfolgen, sehnige, wuchtig pulsierende Bassläufe. Ein schon etwas überladen wirkendes Schaulaufen mit allem, was man über Jazz als moderne Unterhaltungsmusik wissen muss. Seitwärts der Bühne steht, noch im Dunkeln, aber schon verschmitzt grinsend, eine Figur in clownesken Dress. Bald darauf wird sie tonangebend sein im Bühnengeschehen im kleinen Saal der Stadthalle. Kenny Wesley ist der Name des bunt gekleideten, extrovertierten Vokalisten.Scateinlagen und afrikanische Percussion "I'm Sorry" ist der erste, selbstverfasste Titel, den der aus Jacksonville stammende US-amerikanischen Sänger mit honigsüßer, edel abgetönten Soulstimme ansingt, als sei ihm der Aufruhr, den er entfesseln kann, selbst unangenehm. Doch das Zusammenwirken mit dem Trio des Kölner Pianisten Stephan Becker, das in einem Club in Barcelona seinen Anfang nahm, hat für beide Seiten schon Früchte getragen. Unter anderem ein viel beachteter Auftritt auf der Bremer "Jazzahead" mit ausgewählten Stücken des Trios, zu denen Wesley Texte beigesteuert hat. Auch bei diesem Intermezzo einer Formation der jüngeren Szene in der von alten Haudegen des europäischen Jazz geprägten Saison der Gütersloher Reihe kommen diese zu Gehör. In Beckers Ballade "Elegy" zeigt Wesley, dass ihm Amy Winehouse näher war als Billie Holiday. Im Standard "My Favourite Things" reizt der quietschvergnügte Bühnenperformer am Mikrofon seine unglaublich elastischen Stimmbänder aus für Scateinlagen, die instrumentale Qualität entwickeln und sogar afrikanische Percussion imitieren können. Das Pianotrio hält seine zurückhaltende Begleitung jeweils leicht und luftig, in ihren Soli lassen sich die Instrumentalisten von Wesleys vokaler Extravaganz wiederum zu Glanzleistungen anstacheln, was vom Publikum schließlich begeistert aufgenommen wird.

realisiert durch evolver group