Für jedes Wehwehchen ein Aufsatz: Das Hochfrequenz-Heilgerät. - © Vornbaeumen
Für jedes Wehwehchen ein Aufsatz: Das Hochfrequenz-Heilgerät. | © Vornbaeumen

Gütersloh Das starke Stück (1): Der Wunderkoffer vom Dachboden

DAS STARKE STÜCK (1): Das "Hochfrequenz-Heilgerät" war in den 20er Jahren ein Renner

Vera Breitner

Gütersloh. Das Magazin des Gütersloher Stadtmuseums ist im wahrsten Sinne des Wortes bis unter das Dach gefüllt mit historischen Gegenständen. Dementsprechend ist es unmöglich, alle interessanten, geschichtlich relevanten oder kuriose Stücke in der Ausstellung zu zeigen. Gemeinsam mit der Neuen Westfälischen präsentiert das Stadtmuseum daher ab sofort jeden Monat ein neues "starkes Stück" aus seinem Magazin. Das erste Objekt der Reihe mutet an wie ein Zauberkoffer. Auch der englische Name des darin enthaltenen Gerätes - "Violet Wand", etwa "violetter Zauberstab" - lässt magisches vermuten. Tatsächlich handelt es sich bei der mysteriös anmutenden Apparatur um ein Hochfrequenz-Heilgerät. Diese medizinischen Geräte waren in den 20er und 30er Jahren der letzte Schrei. Trends und Modeerscheinungen gibt es in jedem Lebensbereich, da bildet auch die Medizin keine Ausnahme. Vor etwa 90 Jahren hieß der heißeste Trend "Elektrotherapie". Natürlich wird diese Art der Behandlung noch heute angewandt, vornehmlich bei Schmerzpatienten, doch hat der damit verbundene physikalische Vorgang heute längst seine Magie verloren. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war das noch anders. Das Hochfrequenz-Heilgerät war nicht nur medizinisch, sondern auch technisch auf dem neuesten Stand und ging über die Ladentresen wie geschnitten Brot. Die Elektrotherapie hat eine lange Tradition, die sich schon auf die alten Griechen zurückführen lässt, die mit elektrischen Ladungen Gicht und Kopfschmerzen behandelten. In der Mitte des 18. Jahrhunderts machte dann der Naturforscher Christian Gottlieb Kratzenstein maßgebliche Entdeckungen auf dem Gebiet und wird damit als Begründer der modernen Elektrotherapie angesehen. So richtig kam die Sache jedoch gegen 1790 in Fahrt, als Luigi Galvani mit Hilfe von Elektrizität ein abgetrenntes Froschbein zum Zucken bringen konnte. Zwar nur kurz und ohne irgendwelche Folgen, doch das reichte schon aus, die Sensation war perfekt. Ab diesem Zeitpunkt erlebte die Elektrizitätsforschung einen regelrechten Boom. Physiker und Ärzte aus aller Welt verfolgten die wahnwitzige Idee, mit dieser Entdeckung Tote wieder zum Leben erwecken zu können, was einige äußerst makabre Episoden der Medizingeschichte nach sich zog - Frankenstein lässt grüßen. Es gab aber auch Wissenschaftler, die sich darauf besannen, dass die geheimnisvolle Kraft auch für lebende Menschen nutzbar gemacht werden müsste. Es entstanden die ersten medizinischen Geräte, meist riesenhafte, surrende Apparate, die für die Patienten zweifellos einen wunderlichen Anblick boten. Und das verwunderlichste von allem war, dass man die eigentliche heilende Kraft hinter den Gerätschaften nicht sehen konnte. Es kamen zudem Formeln wie Galvanisation, Induktionsstrom und Reizstromtherapie auf, die sich durch die verschiedenen Stromfrequenzen - gemessen in Hertz - unterscheiden. Die Galvanisation beispielsweise arbeitet mit Gleichstrom, der kaum einen messbaren Wert ergibt, während die Reizstromtherapie mit niedrigen Frequenzen funktioniert. Bis zur Entwicklung des hochfrequenten Stroms und damit des Hochfrequenz-Heilgerätes sollten jedoch noch viele Jahre ins Land gehen. Die Grundlage für den späteren medizinischen Kassenschlager legte der Erfinder Nikola Tesla (1856 - 1943) mit seinen weltberühmten Teslaspulen oder Transformatoren. Diese sind für die Funktion des "Wunderkoffers" unerlässlich: Zunächst wird durch ein Kabel ganz gewöhnlicher 220-Volt-Strom aus der Steckdose in den Generatoreinsatz mit Regulierknopf eingeführt. Über den Knopf kann durch einen "Wagnerschen Hammer" der Abstand des Unterbrechungskontaktes beeinflusst werden, was wiederum Einfluss auf die Stärke der Funken hat, die am Ende des physikalischen Zaubers in den Glasröhren entstehen. Zu diesem Zeitpunkt kommt jedoch noch immer kein hochfrequenter Strom zum Einsatz. Dieser entsteht erst in dem Handteil, das durch ein Kabel mit dem Generator verbunden ist. Darin befindet sich die erwähnte Teslaspule, die aus dem für den Menschen gefährlichen Netzstrom mit geringer Spannung - er hat eine Frequenz von etwa 50 Hertz - eine Spannung mit einer Frequenz von etwa 100.000 Hertz erzeugt, die in den Glasröhrchen hör- und sichtbar gemacht wird. Die Glasteile sind mit einem Elektrodenanschluss versehen, der in das Handteil eingesetzt werden kann, so dass der Strom aus der Teslaspule direkt in die Glasröhre geleitet wird, in der ein Vakuum herrscht. Werden diese aufgeladenen Glasröhren an die Haut gehalten, erzeugt das ein Kribbeln und in dem Glas selbst entstehen ein Summen und violette Funken - der violette Zauberstab leuchtet. Für den privaten Gebrauch zugänglich, völlig ungefährlich und - das Beste an der Sache: Laut den damaligen Entwicklern die reinste Wunderwaffe der modernen Medizin. Die Einsatzbereiche schienen unbegrenzt, von Gelenkschmerzen über Bettnässen bis hin zu Haarausfall war alles dabei. Dementsprechend ist der Koffer auch mit diversen Aufsätzen ausgestattet, denn jedem Teil des Körpers sollte seine Behandlung mit dem richtigen Röhrchen zukommen. Ob das Gerät die versprochenen Wunderwerke tatsächlich vollbracht hat oder ob es in Wirklichkeit nur ausgemachter Hokuspokus war, der den Leuten das Geld aus der Tasche ziehen sollte, ist schwer zu beantworten. Eine medizinische Wirkung wurde nie einwandfrei nachgewiesen, womöglich war hier der berüchtigte Placebo-Effekt am Werk. Die damaligen Verbraucher haben sich darüber jedoch nicht allzu lange den Kopf zerbrochen. Denn wie das mit jeder Modeerscheinung so ist, verschwand auch diese relativ bald von der Bildfläche und fand so ihre Wege in dunkle Keller und auf staubige Dachböden. Bei aller Unsicherheit muss den Wunderkoffern jedoch eins zu Gute kommen lassen: langlebig sind die Teile. Das jetzt im Stadtmuseum ausgestellte Gerät verursachte beim Aufstellen in der Vitrine nach vielen Jahren ohne Einsatz, und das ohne dabei eingeschaltet gewesen zu sein, ein Kribbeln auf der Haut. Wenn das keine Zauberei ist!

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