Schweigemarsch im vergangenen Jahr: Damals, zum 99. Jahrestag, zogen bereits mehr als 1.000 Aramäer durch die Stadt. Am 26. April 2015 dürften es noch etliche mehr sein. - © FOTO: RAIMUND VORNBÄUMEN
Schweigemarsch im vergangenen Jahr: Damals, zum 99. Jahrestag, zogen bereits mehr als 1.000 Aramäer durch die Stadt. Am 26. April 2015 dürften es noch etliche mehr sein. | © FOTO: RAIMUND VORNBÄUMEN

Gütersloh Ältestenrat lehnt Mahnmal ab

Aramäer sollen des Völkermordes von 1915 stattdessen am allgemeinen Volkstrauertrag gedenken

Ludger Osterkamp

Gütersloh. In Gütersloh wird es voraussichtlich kein Mahnmal zum Gedenken an den Völkermord von 1915 geben. Nach drei internen Sitzungen ist der Ältestenrat des Stadtrates nun zu der Ansicht gelangt, einen entsprechenden Antrag der syrisch-orthodoxen Kirchengemeinden abzulehnen. Die Gütersloher Aramäer und Assyrer reagierten auf die Ablehnung betroffen. Die Pfarrer und Vertreter der drei syrisch-orthodoxen Gemeinden kamen noch gestern Abend zu einem Treffen zusammen, um über das weitere Vorgehen zu beraten. Die Gemeinden waren im Herbst mit einem Antrag an die Stadt herangetreten, einen zentralen öffentlichen Platz für das Aufstellen eines solchen Mahnmales genannt zu bekommen. Der Sprecher des Zentralverbandes der Assyrischen Vereinigungen in Deutschland, Johann Roumee, sagte gestern, "wir sind enttäuscht und können nicht verstehen, wie mit dem Antrag umgegangen wird." Das Mahnmal soll an die Opfer des "Seyfo von 1915" im Osmanischen Reich (heute Türkei) erinnern, jenen Massakern, denen damals Tausende von Aramäern/Assyrern, Armeniern und Griechen zum Opfer fielen. Politiker und Stadtverwaltung taten sich jedoch von Anfang an schwer damit. Sie äußerten die Sorge, ein solches Mahnmal könne Unruhe schüren, einen Keil zwischen die Volksgruppen treiben - eine Sorge, die weitere Nahrung erhielt, als sich die Türken meldeten (siehe Zweittext). In einer gemeinsamen Stellungnahme an den Ältestenrat wies die Türkische Gemeinde Gütersloh (Arbeitsgemeinschaft der türkischen Vereine) mit deutlichen Worten auf das Konfliktpotenzials des Themas hin. Auch der türkische Generalkonsul, vor einigen Wochen im Rathaus, machte in einem Gespräch mit Bürgermeister Maria Unger und dem städtischen Integrationsbeauftragten Eckhard Sander aus seiner Ablehnung keinen Hehl. Der Ältestenrat, dem neben der Bürgermeisterin ihre Stellvertreter und die Vorsitzenden der Ratsfraktionen angehören, nennt für seine Haltung keine Gründe. Unger schreibt lediglich, es sei "von großer Bedeutung, das friedliche Zusammenleben der Menschen in Gütersloh zu fördern und sicherzustellen". Derzeit lebten hier Menschen aus 116 Nationen friedlich-nachbarschaftlich miteinander. Das wolle man erhalten. Unger schreibt weiter, die Stadt Gütersloh erkläre ihre Solidarität mit den Opfern von Vertreibung, Verfolgung, Gewalt, Verbrechen und Völkermord. "Den syrisch-orthodoxen Christen und vielen anderen Menschen, die als Asylbewerber nach Deutschland gekommen sind, hat sie in den zurückliegenden Jahren eine neue Heimat geboten und tut dies auch weiterhin". Sie alle seien Bürger dieser Stadt. Das Gedenken an die Opfer sei für die Hinterbliebenen von großer Bedeutung. In Deutschland sei dem der Volkstrauertag gewidmet. In Gütersloh finde dazu jährlich die Veranstaltung auf dem Ehrenfriedhof Unter den Ulmen statt, an der Vertreter der Kirchen, des Rates, der Verwaltung, von Institutionen sowie Bürger teilnehmen. "Diese Gedenkveranstaltung ist auch ein geeigneter Ort, um der Opfer des ?Seyfo von 1915? zu gedenken. Den Antragstellern wird eine entsprechende Beteiligung und Mitwirkung anheim gestellt", so Unger und der Ältestenrat. Im Kreis Gütersloh leben nach Schätzungen etwa 13.000 Aramäer/Assyrer. Ob sich die syrisch-orthodoxen Gemeinden mit dem Angebot an der Teilnahme am Volkstrauertrag zufrieden geben, ist ungewiss. Ischo Can, als Mitglied des Stadtrates gewissermaßen das parlamentarische Sprachrohr der Gemeinden, sagte gestern, das Unverständnis über die skeptische Haltung der Stadt sei groß. Die Gemeinden fänden, der Ältestenrat und auch die Stadtverwaltung hätten leider nicht alle Aspekte gewürdigt. Den Gemeinden ginge es bei dem Mahnmal nicht um etwas Pompöses, Monumentales, "sondern das kann auch ein ganz schlichtes Kreuz sein. Aber ein Kreuz, an dem man sich treffen und der Opfer von damals gedenken kann." Can sagte, die syrisch-orthodoxen Gemeinden hätten das Gefühl, die Stadt schenke den Bedenken der Türken höhere Bedeutung als dem Ansinnen, gemeinsam Versöhnung zu betreiben. "Wir wollen nicht die Täter verurteilen, sondern der Opfer gedenken." Johann Roumee vom Assyrer-Verband sagte, die Stadt mache es sich zu einfach, wenn sie das friedliche Zusammenleben der Volksgruppen durch ein solches Mahnmal als pauschal gefährdet ansehe. "Vielmehr glauben wir, dass es die Versöhnung fördert." Eine Teilnahme am Volkstrauertag werde der Bedeutung des Völkermordes und der Sache keinesfalls gerecht. Für den 24. April, dem 100. Jahres- und Gedenktag an den "Seyfo von 1915", kündigte Can derweil eine Großkundgebung in der Innenstadt wie im vergangenen Jahr an. Er rechne diesmal mit mehreren tausend Teilnehmern. Stellungnahme der Türken Die Türkische Gemeinde Gütersloh sieht „keine rechtliche Legitimation“ für das Mahnmal. In einem Schreiben an den Ältestenrat formulieren die Vertreter der sieben türkischen Vereine, es gebe „bis heute kein international anerkanntes Urteil über diese Begebenheit“, und sie werde „im wissenschaftlichen Diskurs der Historiker international kontrovers diskutiert“. Nicht erwähnt wird dagegen, dass viele Staaten die Ereignisse von damals mittlerweile offiziell als Völkermord anerkannt haben, und auch der Deutsche Bundestag ihn 2005 so benannt und verurteilt hat. Die türkischen Vereine verweisen darauf, dass, sollte die Stadt dem Antrag der aramäischen Gemeinden stattgeben, auch andere seinerzeit im Osmanischen Reich angesiedelten Bevölkerungsgruppen solche Anträge stellen dürfen; dazu zähle auch die osmanisch-muslimische Gruppe in Anatolien, die damals von Armeniern, Aramäern und Griechen, teilweise in Kooperation mit Alliierten „systematisch verjagt und ermordet wurden“. Die Stadt Gütersloh müsse sich entscheiden, „ob sie die internationalen Konflikte in einem öffentlichen Raum aufarbeiten lassen will und dadurch Konfliktpotenzial ermöglicht oder ob es für das friedliche Zusammenleben andere unterstützende Maßnahmen ergreift“, so die Vereine. „Wir möchten nicht, dass unsere Kinder und Jugendlichen angefeindet werden, weil sie als ’die’ Türken oder Kurden definiert werden. Wir möchten nicht, dass Zwietracht gesät wird und es zu Hassparolen in den aramäischen Gemeinden kommt.“ Geschehnisse wie damals aufarbeiten zu wollen, sei verständlich, allerdings müsse man das in dem Land tun, wo sie sich ereignet hätten. „Wir empfehlen daher, dass dieser Antrag und auch weitere Anträge, die zu einer Spaltung oder Segregation in der Gütersloher Gesellschaft führen und hierdurch das friedliche Zusammenleben in der Zukunft gefährden, nicht zu bewilligen.“ (ost)

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