Gütersloh AOK schreibt Job-Kündigung

Gewerkschaft wirft der Krankenkasse eine Überschreitung ihrer Befugnisse vor

Eine AOK-Beschäftigte hat für einen 53-Jährigen dieses Kündigungsschreiben formuliert, das er unterschrieben beim Arbeitgeber vorlegen sollte. Er tat es nicht – was laut IG Metall für ihn auch besser ist. - © FOTO/MONTAGE: PATRICK MENZEL
Eine AOK-Beschäftigte hat für einen 53-Jährigen dieses Kündigungsschreiben formuliert, das er unterschrieben beim Arbeitgeber vorlegen sollte. Er tat es nicht – was laut IG Metall für ihn auch besser ist. | © FOTO/MONTAGE: PATRICK MENZEL

Gütersloh. Die IG Metall hat schwere Vorwürfe gegen die Gütersloher AOK erhoben. Die AOK habe für einen ihrer Versicherten ein Schreiben aufgesetzt, mit dem dieser seinen Job in einer Gießerei verloren hätte. Damit habe sie sich eine Zuständigkeit angemaßt, die ihr nicht gebühre.

"Unserer Auffassung nach ist die AOK deutlich zu weit gegangen", sagte Gewerkschaftssekretär Reinhold Tönjes. Wenn die Krankenkasse der Meinung sei, es sei das Beste für den Versicherten, seine jetzige Arbeitsstelle zu kündigen und woanders einen Neustart zu versuchen, hätte sie ihm empfehlen sollen, das Gespräch mit seinem Arbeitgeber und der Arbeitsagentur zu suchen. "Keinesfalls aber darf sie ihm ein Schreiben formulieren und in die Hand drücken, mit dem er sofort und definitiv seinen Beruf verliert. In solch konkrete Regelungen von Arbeitsverhältnissen hat sie sich nicht einzumischen."

Information

78 Wochen

  • Die gesetzliche Krankenversicherung zahlt innerhalb von drei Jahren für die gleiche Krankheit maximal 78 Wochen Krankengeld.
  • Läuft diese Zahlung aus, bezeichnet man das als Aussteuerung.
  • Wer selbst kündigt, kann für ALG I gesperrt werden, allerdings wird Krankheit meistens nicht als freiwillige Aufgabe des Jobs ausgelegt.
  • Wer nicht in der Lage ist, mindestens drei Stunden am Tag zu arbeiten, steht dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung und wird zu einem Rentenfall.

Bei dem Betroffenen handelt es sich um einen 53-jährigen, aus Osteuropa stammenden Mann. Er ist seit 2000 als Arbeiter in der Kernmacherei einer heimischen Gießerei beschäftigt, inzwischen aber seit zwölf Monaten aufgrund von Kniebeschwerden erkrankt. Die AOK zahlt ihm das Krankengeld. "Wenn der Mann in diesem Alter und unter diesen Voraussetzungen von sich aus seinen Arbeitsplatz gekündigt hätte, hätte er nie wieder einen Job bekommen. Er wäre in den ALG II-Bezug gerutscht und nie wieder herausgekommen", sagte Tönjes. Zum Glück habe er den von der AOK formulierten Auflösungsvertrag nicht unterschrieben und sei damit nicht zu seinem Arbeitgeber, sondern zur Gewerkschaft gegangen. Den Weg zur IG Metall hatte er laut Tönjes gewählt, weil er angesichts seiner Sprachprobleme – der 53-Jährige spreche nur gebrochen Deutsch – auf Nummer sicher habe gehen wollen. "Ich bin mir nicht sicher, ob ihm überhaupt klar, was er da unterschrieben hätte."

Dabei, so Tönjes, sei der Mann für den Arbeitsmarkt längst nicht verloren. Das hätten ihm sowohl der Medizinische Dienst der Krankenkassen als auch eine orthopädische Fachpraxis bescheinigt. Der Orthopäde war Anfang des Monats zu der Einschätzung gelangt, der 53-Jährige könne stufenweise wieder in das Erwerbsleben eingegliedert werden und sei ab 1. Dezember gar wieder voll arbeitsfähig.

Sein Arbeitgeber, die Gießerei, lehnte die stufenweise Wiedereingliederung jedoch ab. Sie teilte dem 53-Jährigen schriftlich mit, sie könnten ihn nicht mehr einsetzen, weil sie auch keinen anderen Arbeitsplatz zur Verfügung hätten, der seinem Gesundheitszustand entspreche. Mit diesem Schreiben war K. zur AOK gegangen.

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