Wohnungsnot hat viele Gesichter: Besonders einkommensschwache Mieter suchen händeringend nach bezahlbarem Wohnraum. Deshalb passt das Jobcenter die Miete, die vom Amt übernommen wird, den höheren Preisen an. Auch der Mietspiegel der Stadt Gütersloh wird in kürze angepasst. - © Andreas Frücht
Wohnungsnot hat viele Gesichter: Besonders einkommensschwache Mieter suchen händeringend nach bezahlbarem Wohnraum. Deshalb passt das Jobcenter die Miete, die vom Amt übernommen wird, den höheren Preisen an. Auch der Mietspiegel der Stadt Gütersloh wird in kürze angepasst. | © Andreas Frücht

Gütersloh Mietspiegel zeigt Tendenz nach oben

Das Jobcenter erhöht die Obergrenzen der Wohnungskosten für Leistungsempfänger. Das bleibt nicht ohne Auswirkungen für alle Mieter

Nicole Hille-Priebe

Gütersloh. Die gute Nachricht zuerst: Viele Bezieher von staatlicher Grundsicherung können sich im gesamten Kreis Gütersloh über eine deutliche Erhöhung der Mietobergrenzen freuen. Die derzeit gültigen Richtwerte sollen parallel zu den Mietspiegeln bereits ab dem 1. Juli angepasst werden. Wie auf Nachfrage bei der Stadt Gütersloh zu erfahren war, ist hier schon in Kürze mit einem neuen Mietspiegel zu rechnen. Er soll in der Ratssitzung am 12. Juli rückwirkend zum Stichtag 1. Juli beschlossen werden. Seine Tendenz nach oben dürften die Zahlen aus der Vorlage des Jobcenters vermutlich vorwegnehmen. Bislang übernahm das Jobcenter für eine Wohnung bis 50 Quadratmeter in Gütersloh 390 Euro, künftig werden es 401 Euro sein, also 8 Euro Kaltmiete pro Quadratmeter. Insgesamt liegen die Steigerungen für alle Wohnungsgrößen zwischen 9 und 19 Euro pro Wohnung. "Darüber hinaus kommt es aufgrund des angespannten Wohnungsmarktes in einigen Größenklassen zu weiteren notwendigen Anpassungen", heißt es in der Vorlage des Jobcenters für den Ausschuss Arbeit und Soziales am kommenden Montag, wo die Fortschreibung der Mietobergrenzen auf der Tagesordnung steht. Jobcenter passt übernommene Kosten an In Langenberg übernimmt das Jobcenter demnach ab Juli 478 Euro für eine Wohnung bis 65 Quadratmeter, bislang waren es 419 Euro. Steigerungen wie diese um 59 Euro betreffen "Kommunen, in denen eine alleinige Anpassung der Mietobergrenze durch die Preisindizes nicht ausreichend war, um die Versorgung mit angemessenen Mietwohnungen gewährleisten zu können. Hier wurde unter Beachtung des örtlichen Wohnungsmarktes die Obergrenze zusätzlich individuell angepasst", heißt es zur Erklärung. Die Kehrseite: Experten gehen davon aus, dass diese Erhöhung mittelfristig alle Mieter betreffen wird, denn die Erfahrung zeigt, dass Vermieter diese Situation nutzen, um generell die Mieten zu erhöhen und damit an die neuen Mietobergrenzen anzupassen. Die Sache ist ambivalent: Einerseits trägt ein aktualisierter Mietspiegel der Realität auf dem Wohnungsmarkt Rechnung - andererseits ist er das Instrument, mit dem Vermieter sofortige Erhöhungen begründen können. "Wir wissen, dass unsere Erhöhung die Marktentwicklung mitbestimmt - leider", bestätigt Kathrin Meister, Sachgebietsleiterin beim Jobcenter für den Kreis Gütersloh. Sorge vor dem Auszug Daniel Zimmermann vom Mieterbund NRW kennt diesen Zielkonflikt aus anderen Kommunen. "Es gibt überall das Problem, dass mit der Grundsicherung für Leistungsempfänger nur ein sehr begrenzter Teil an Wohnungen zur Verfügung steht, deren Miete sich mit den Sätzen deckt, die das Jobcenter übernimmt. Damit wächst bei den Betroffenen auch die Sorge, dass sie ausziehen müssen." Dem Versorgungsauftrag der Kommunen, dem sie mit der Erhöhung der Obergrenzen nachkommt, stehe allerdings die Marktentwicklung gegenüber: "Das heißt, es gibt dann den Effekt, dass Vermieter die Miete erhöhen." Auch Elmar Kaup vom Gütersloher Sachverständigenbüro für Immobilien bestätigt diesen Verdacht. "Wichtig ist aber zunächst einmal, dass sich die Leute, die auf Grundsicherung angewiesen sind, freuen können, denn sie werden jetzt leichter an Wohnungen kommen", sagt der Immobilienexperte. "Die Mieten sind in den vergangenen zwei Jahren stark gestiegen und liegen bereits jetzt häufig deutlich über dem Mietspiegel - das können nur Leute auffangen, die ihre Wohnung selbst bezahlen." Kaup weiß, wie der Immobilienmarkt tickt: "Die Nachfrage ist extrem hoch und das Angebot ist zu niedrig, denn es gibt zu wenige öffentlich geförderte Wohnungen. Also steigen die Preise." Bei Wohnungen, die das Amt bezahlt, komme noch hinzu: "Die Mieter zahlen, was die Stadt zahlt. Da Neubauten im Quadratmeterpreis aber teurer sind, braucht es einen Anreiz für private Investoren: höhere Mieteinnahmen."

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