Gerangel um die TWE: Honigkuchenbäckerei von Heinrich Venjakob (Friedrichsdorf Nr. 17) in einer Aufnahme von 1920. Sie hätte vielleicht ebenso wie die Ziegeleien und Töpfereien der Gegend von einem Anschluss an das überregionale Eisenbahnnetz profitieren können. - © Stadtarchiv
Gerangel um die TWE: Honigkuchenbäckerei von Heinrich Venjakob (Friedrichsdorf Nr. 17) in einer Aufnahme von 1920. Sie hätte vielleicht ebenso wie die Ziegeleien und Töpfereien der Gegend von einem Anschluss an das überregionale Eisenbahnnetz profitieren können. | © Stadtarchiv

Gütersloh Vor 100 Jahren schloss die letzte Gütersloher Bierbrauerei

Nach rund 50 Jahren endete die Gütersloher Brautradition. Währenddessen zeigte sich das Wetter genauso extrem wie im Frühling 2018

Günter Beine

Gütersloh. Der Juni 1918 wartete mit einer für das Wirtschaftsleben in Gütersloh schlechten Nachricht auf: dem Ende der Gütersloher Brauerei. "Man denke sich aus, was es heißt, dass eine der ersten gewerblichen Unternehmungen unserer Stadt damit zum Eingehen verurteilt ist!", klagte das Gütersloher Tageblatt. Nicht zuletzt durch die kriegsbedingten Restriktionen war die Produktion qualitativ und quantitativ zuletzt so stark zurückgefahren worden, dass ein Verkauf des Unternehmens an die Dortmunder Aktienbrauerei als letzter Ausweg übrig geblieben war. Nach rund 50 Jahren endet damit die Gütersloher Brautradition, denn zukünftig würde kein Bier mehr in Gütersloh hergestellt werden. Das Unternehmen war eng mit dem Namen Richard Plange verbunden. Plange gilt als maßgeblicher Unternehmensgründer, der nach einem Technikstudium die Braukunst von den Anfängen an als Braubursche kennenlernte und sich parallel mit den fachwissenschaftlichen Erkenntnissen der Zeit auseinandersetzte. Rund 30 Jahre hielt er als allein haftender Gesellschafter die Zügel in der Hand, bevor er sich nach der Umwandlung der Brauerei in eine Aktiengesellschaft aus gesundheitlichen Gründen aus der Leitung zurückziehen musste. Der rührige Unternehmer gilt auch als maßgeblicher Förderer der städtischen Wasserversorgung, die 1888 ihren Betrieb aufnahm. Der Förderung der heimischen Gewerbetreibenden sollte das Projekt einer Eisenbahnverbindung von Gütersloh nach Avenwedde und Friedrichsdorf dienen. Amtmann Hermann Mense hatte dazu Anfang Juni öffentlich eingeladen und ein Planungskomitee unter seiner Leitung gegründet. Ziel war es laut Gütersloher Tageblatt, "die beträchtlichen Lehm- und Tonlager in Avenwedde zu erschließen und den Friedrichsdorfer Töpfereien bessere Bezugs- und Absatzgelegenheiten zu verschaffen". Die Teutoburger Waldeisenbahn hatte ihre Bereitschaft bekundet, Bau und Betrieb zu übernehmen. Die Bezirksregierung habe sich wohlwollend geäußert, und die Gemeinden wollten die Trasse unentgeltlich zur Verfügung stellen. Es böte sich für sie "die Gelegenheit, Anschluss an das große Verkehrsnetz zu erhalten", hieß es in der Gütersloher Zeitung. Sogar eine Verlängerung über Senne I nach Brackwede-Süd und ein Anschluss an die Bahnstrecke Brackwede-Paderborn sei im Gespräch. Nachtfröste in den ersten Junitagen Angesichts der schlechten Ernährungslage beunruhigte das Wetter im Juni 1918 ganz besonders. In den ersten Junitagen hatten Nachtfröste an Kartoffeln und Bohnen stellenweise erheblichen Schaden angerichtet. Weitere Fröste zur Monatsmitte hatten einige Felder "völlig schwarz" zurück gelassen. Zur Kälte kam die Trockenheit, die auf den hiesigen Sandböden schon erste negative Auswirkungen auf die Feldfrüchte zeigte. Mit einer Tagestemperatur von gerade einmal neun Grad sei der 23. Juni 1918 der wohl kälteste Junitag seit 1848 gewesen, berichtete das Gütersloher Tageblatt. Eine Folge der Kriegswirren war die zunehmende Anzahl gewerbetreibender Jugendlicher. Sechzehnjährige seien von ihren Vätern als Selbstständige angemeldet worden, ohne dass Vater oder Sohn eine ausreichende Qualifikation vorweisen konnten. Das Gewerberecht böte keine Handhabe gegen diese Praxis. Wenig Hoffnung auf ein baldiges Kriegsende spricht aus dem Brief eines Gütersloher Soldaten, der in Auszügen vom Gütersloher Tageblatt veröffentlicht wurde. Der Schreiber konnte offenbar erstmals seit langem seinen von Granattrichtern zerfurchten Frontabschnitt verlassen. Schönheit der Natur macht nachdenklich Jetzt erblickte er ein Kornfeld, einen Holunderbusch sowie einige Rosen und konnte einer Nachtigall lauschen. Bei aller Freude über die Schönheit der Natur schloss sein Brief nachdenklich: "Wie lange mag es noch dauern, bis auch dies Frühlingsgebiet in ein Trichterfeld verwandelt ist und die Nachtigall auch nicht mal einen verdörrten Ast findet, auf dem sie ihre alten lieben Lieder zum Ergötzen unserer Feldgrauen herausschmettern kann?" Ein Frontkamerad hatte zu Monatsbeginn in der Gütersloher Zeitung seinen Unmut über die "Karussellbelustigungen" kundgetan. Er könne sein Gütersloh bald nicht mehr verstehen. Während "viele Existenzen durch Kriegseinfluss eingegangen sind", würden in seiner Heimatstadt "zweifelhafte und sinnenkitzelnde Theaterstücke" aufgeführt. "Passt das in die große, ernste Zeit?", fragte der Leserbriefschreiber. "Wenn es in Gütersloh noch Leute gibt, die ohne Tingeltangel nicht leben können, lass sie nur hierher kommen, so können sie sich austoben, dass ihnen Hören und Sehen vergeht."

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