Symbolfoto. - © Pixabay
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Gütersloh Kindesmissbrauch – Es gibt auch Täterinnen

Verbrechen: Der Fall einer Freiburger Mutter, die ihren Sohn missbrauchte, rüttelt auf. Kindesmissbrauch durch Frauen ist bislang kaum ein Thema. Erste Untersuchungen fordern aber ein Umdenken

Ingo Müntz

Gütersloh. Verharmlosung, kaum Wahrnehmung, fehlende Professionalität: "Internationale Studien belegen, dass gut zehn Prozent aller sexuellen Missbräuche von Täterinnen begangen werden." Klare Aussagen findet die Rechtspsychologin Heike Küken-Beckmann im großen Saal des Rathauses Gütersloh. Der Arbeitskreis gegen sexualisierte Gewalt hat die Wissenschaftlerin eingeladen mit dem Ziel, öffentliche Beratungs- und Anlaufstellen für das Thema "Frauen als Täterinnen von sexualisierter Gewalt an Mädchen und Jungen" zu sensibilisieren. So spröde das Tagungsthema auch klingt: Das Thema werde seit Jahrzehnten verharmlost, zum Teil sogar ignoriert, sagt die Wissenschaftlerin vom Institut für Rechtspsychologie Rhein-Main in Darmstadt. "Frauen werden häufig lediglich als Mittäterin wahrgenommen, indem sie einem Mann den Missbrauch ermöglichen", so Küken-Beckmann zu den 70 Teilnehmern. Doch die Untersuchungen über einen Zeitraum von acht Jahren haben gezeigt, dass Frauen auch "alleine und in führender Rolle Mädchen und Jungen sexuell missbrauchen." Der "Gütersloher Arbeitskreis gegen sexualisierte Gewalt" sieht genau da Handlungsbedarf. Neben der Sensibilisierung für den Alltag gehe es auch um Prävention. "Häufig wird mit Missbrauch die Anwendung von körperlicher Gewalt durch Männer in Verbindung gebracht", sagte Ursula Rutschkowski von der Polizei Gütersloh. Doch aus ihrer Tätigkeit in der Prävention und dem Opferschutz weiß sie, dass die Verbrechen an Kindern häufig mit "psychischer Gewalt einhergehen". Und Anne Nacke von der Beratungsstelle Wendepunkt ergänzt: "Das Thema Missbrauch durch Frauen ist bei uns immer häufiger ein Thema." »Opfer weiblicher Gewalt fühlen sich nicht ernst genommen« Bei den betroffenen Mädchen und Jungen verursacht jede Form von Missbrauch das Gefühl der Ausweglosigkeit und der Scham. "Opfer weiblicher Gewalt fühlen sich nicht ernst genommen", sagte Rechtspsychologin Heike Küken-Beckmann. Denn das Thema sei kaum präsent. "Jungen fühlen sich nach dem Missbrauch durch eine Frau eher 'komisch' und wissen mit der Situation kaum umzugehen." In ihren Studien habe sie die weibliche Täterschaft nicht mehr emotionalisiert, als die männliche. "Persönlich entsetzt hat mich allerdings die Bandbreite. Und darunter auch die teils sadistischen Züge, die sich mir offenbart haben." Die Experten weisen darauf hin, dass betroffene Jungen und Mädchen unter anderem bei der Polizei, dem Jugendamt, den Gleichstellungsbeauftragten, den Familienberatungsstellen, der Anlaufstelle Wendepunkt, dem Haller Arbeitskreis Rückenwind und vielen anderen Organisationen umgehend Hilfe und Schutz erfahren.

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