Publikumsattraktion: Vor dem Josefshaus im Webereipark sorgte der "Verein zur Förderung Plastischer Kunst in Stadt und Kreis Gütersloh" für jede Menge feurige, faszinierende Momente. Bei dieser Performance befüllten die Künstler einen Hochofen mit Gusseisen. - © Jens Dünhölter
Publikumsattraktion: Vor dem Josefshaus im Webereipark sorgte der "Verein zur Förderung Plastischer Kunst in Stadt und Kreis Gütersloh" für jede Menge feurige, faszinierende Momente. Bei dieser Performance befüllten die Künstler einen Hochofen mit Gusseisen. | © Jens Dünhölter

Gütersloh Kunstnacht bietet Spektakuläres und Besinnliches

langenachtderkunst: Die 19. Auflage begann mit tänzerischen Streicheleinheiten. Am Dreiecksplatz gab es außergewöhnliche Klangerlebnisse

Rolf Birkholz

Gütersloh. Das Programmheft vor der Nase, überquerten Besucher auf dem Weg zur "langennachtderkunst" einen Zebrastreifen auf der Blessenstätte. Dass diese Hefthaltung auch an anderer Stelle geboten sein konnte, davon später. Zunächst holte man sich zum Auftakt der 19. Auflage dieser Stadtkunstnacht auf dem Berliner Platz tänzerische "Streicheleinheiten" ab, wie es der Moderator formulierte, der mit zahlreichem Publikum Nachwuchstänzerinnen und -tänzer der Tanzschule Stüwe-Weissenberg auf einer Zeitreise durch die Tanz-Entwicklung begleitete. Da waren am Rathaus bereits im Rahmen einer internationalen Kunstaktion auf Initiative des Künstlers Atarnarjuat vier weiße Flaggen gehisst worden. In diesem Zusammenhang wurde danach der erste Jahrestag des Friedensbaums an der Ecke Frieden- und Baumstraße begangen. Gehen war natürlich wieder die Fortbewegungsart der Wahl, wenn einige auch das Fahrrad nutzten. Mitunter war Stehen angesagt. Vor den sechs "Transpohrter"-Boxen, die von der Kulturgemeinschaft Dreiecksplatz und Medien Design Grohe aufgestellt worden waren, bildeten sich kleine Schlangen. Wer sich noch an Telefonzellen erinnert: Deren Größe hatten diese, den Kunstkisten der Skulptur-Projekte Münster nachgebauten Kabinen. Drinnen gab es kurze Klangerlebnisse, die von der Tiefsee bis ins Weltall führten, konkret: von Anspielungen auf den Soundtrack des Films "Das Boot" bis, sehr überraschend, zum Segen von Benedikt XVI. "Toter Papst von Außerirdischen entführt", ließ nahebei Fairlebens Straßentheater mal Fake News, mal Nicht-Nachrichten ("Bayern wird Meister") verlauten. Hier wurde "Die monotheistische Zukunfts-Schokolade" angeboten, wobei jemand schlachtindustriekritisch Stoffschweine zerhackte. Steckte hier Ernst dahinter, gingen die Musikclowns Gogol & Mäx im Theater mit ihren Instrumenten rein spaßeshalber robust um. Friedliche Signale veganer Art sandten unterdessen das Fotostudio Artvertise mit geheimnisvollen Gemüse-Fotografien und Alain Bellanger in seiner Ausstellung "Pastelle" mit zum Greifen einladenden pflanzlichen Motiven im Forum der Stadthalle. Distanz halten war hingegen hinterm Josefshaus angeraten. Dort befüllten Susanne Roewer, George Beasley und andere Künstler einen Hochofen mit Gusseisen, ließen das flüssige Material durch dicke Bambusröhren fließen. Mit dieser Performance in Kooperation mit dem Kunstverein stellte sich der neue Verein zur Förderung Plastischer Kunst in Stadt und Kreis Gütersloh vor. Funken sprühten. "Asche im Nasenloch", bemerkte eine Besucherin: Mit Programmheftschutz wäre das nicht passiert. Das Feuer war auch am Kesselhaus der Weberei zu sehen, wo Karl-Heinz Jeroen seine "Hermes-Oper" mit Roboter-Libretto aus Handy-Gerede aufführte. Das Kontrastprogramm: Texte von Hartwig Kuhn im Gedichtgarten bei Kerzenschein am Atelier art colori. Da konnte man sich auch in einem lauschigen Eckchen Alt-Gütersloh wähnen, hatte vielleicht die Gemälde Heinz Becks im Stadtarchiv vor Augen. Historisches auch bei Holzpixel an der Blessenstätte, wo Manfred Makowski den Gütersloher Urkataster auf Bierdeckel gedruckt hatte. Künstler-Porträts Wolf-Dieter Tabberts waren in der Stadtbibliothek, die Rückseiten einiger dieser Maler, fotografiert von André Smits, im Kundenzentrum der Stadtwerke zu sehen. "Ich war noch nie in der Skylobby", hörte man nach 23 Uhr vorm Theater. So einem Manko abzuhelfen, hatte da der Sänger Svavar Knútur schon zur Gitarre gegriffen. Er sang zuerst von Weltschmerz als seinem "favorite German Gefühl" und Waldeinsamkeit, nicht gerade die Hauptthemen dieser Nacht. Aber zu deren Abschluss war man bei dem heiter-melancholischen Isländer gut aufgehoben.

realisiert durch evolver group