Fühlen sich wohl: Die Wanderfalken nahe der Autobahnraststätte in Gütersloh brüten in 60 Metern Höhe; erst vor wenigen Tagen sind wieder einige Jungvögel geschlüpft. - © Heinz Mertineit
Fühlen sich wohl: Die Wanderfalken nahe der Autobahnraststätte in Gütersloh brüten in 60 Metern Höhe; erst vor wenigen Tagen sind wieder einige Jungvögel geschlüpft. | © Heinz Mertineit

Gütersloh An einem Gütersloher Windrad brüten Wanderfalken und sind deshalb ein Streitfall

Ministerin für Erhalt des Brutkastens

Ludger Osterkamp

Gütersloh. Der Streit um die Wanderfalken am Windrad am Brockweg neben der Raststätte A 2 ist bei der Landesregierung angekommen. In einer Antwort auf eine Kleine Anfrage der Grünen spricht sich NRW-Umweltministerin Christina Schulze Föcking dafür aus, den Brutkasten hängen zu lassen - zumindest so lange, wie er von den Tieren angenommen werde. Sie vertritt damit eine andere Meinung als das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz; das Lanuv hatte dem Kreis Gütersloh empfohlen, den Kasten zu entfernen. Schulze Föcking (CDU) bestätigt die Ansicht der Gütersloher Grünen-Abgeordneten Wibke Brems, wonach die Empfehlung des Lanuv gegen das Bundesnaturschutzgesetz verstoße. Paragraf 44 dieses Gesetzes lege fest, dass die Fortpflanzungs- und Ruhestätten besonders geschützter Arten zu bewahren seien. Wanderfalken, so die Ministerin, zählten zu den standorttreuen Vogelarten mit speziellen Habitatansprüchen, die regelmäßig zurückkehrten. Solange sie ihren Brutplatz nicht endgültig aufgäben, sei dieser zu schützen, und zwar auch außerhalb der Brutzeiten. »Eine solche Weisung an die Unteren Naturschutzbehörden existiert nicht« "Für mich ist diese Stellungnahme eindeutig", sagte Wibke Brems gestern. Warum das Lanuv vor einiger Zeit dennoch das Abhängen des Kastens empfohlen habe, sei nicht nachvollziehbar. "Ich hätte eine deutlich andere Erwartung an ein Landesumweltamt." Laut der Antwort von Schulze Föcking, die laut Brems voraussichtlich heute über das Landtagsinformationssystem veröffentlicht wird, gebe es von der Landesregierung oder dem Lanuv auch keine Weisung an die Unteren Naturschutzbehörden der Kreise, Brutkästen an Windrädern systematisch zu erfassen und entfernen zu lassen. Das Lanuv war vom Kreis Gütersloh vor einigen Monaten um seinen fachlichen Rat in diesem Fall gebeten worden. Der Brutkasten am Gütersloher Windrad hängt auf halber Höhe des Mastes etwa 60 Meter oberhalb der Grasnarbe. Der Anlagenbetreiber Helmut Schierl hatte ihn 2003 direkt beim Bau der Anlage angebracht. Schierl, zugleich Falkner und überregional anerkannter Fachmann für Turm- und Wanderfalken, freute sich, dass die Vögel den Kasten direkt als Aufzuchtstätte annahmen; in den ersten Jahren brüteten Turmfalken dort, seit 2016 ein Paar der - selteneren - Wanderfalken. "Die lassen sich von den Rotorblättern überhaupt nicht stören", sagte Schierl. Eine Behauptung, die sich mit den Beobachtungen des Naturschutzteams Gütersloh deckt. "Sowohl die Alt- als auch die Jungvögel verhalten sich äußerst geschickt", sagte Franz Thiesbrummel, Leiter des Teams. In all den Jahren sei es zu keinem "Vogelschlag" (Fachbegriff für geschredderte, getötete Tiere) gekommen. Das Windrad am Brockweg sei ein hervorragender Beleg dafür, dass Windräder und Vogelschutz sich nicht widersprechen müssten. "Wir wollen doch alle dasselbe - den Schutz der Tiere und die Förderung der Windkraft" Auch aktuell ziehe das Wanderfalken-Paar eine neue, erst vor wenigen Tagen geschlüpfte Brut auf; vermutlich handele es sich um drei Jungtiere, so genau lasse sich das bis dato nicht sagen. Für den Hinweis des Landesamtes, den Kasten abzuhängen, habe er kein Verständnis. Thiesbrummel: "Das Lanuv verbreitet einen Aktionismus, den ich in keiner Weise befürworten kann." Grünen-Abgeordnete Brems sagte, die Vögel hätten sich den Kasten nicht von ungefähr als Brutplatz ausgesucht, und bislang, und das immerhin seit 2003, gebe es keine Verluste. Warum eine Landesbehörde dennoch darauf dränge, an diesem Zustand etwas zu verändern, sei eine "realitätsferne Prinzipienreiterei", die überdies, wie sich nun zeige, womöglich nicht gesetzeskonform sei. Sie hoffe, dass die Stellungnahme von Ministerin Schulze Föcking nun bewirke, dass das Landesamt und die Untere Naturschutzbehörde des Kreises diese Fakten und die Rechtslage anerkennen. Das Lanuv teilte gestern auf Anfrage mit, es könne aktuell keine Stellung zu dem Sachverhalt nehmen, da dem Amt die Beantwortung der Kleinen Anfrage nicht vorliege. Bei der Gütersloher Kreisverwaltung überwiegen hinsichtlich des Nistkastens nach wie vor die Bedenken. "Wir glauben, dass ein Windrad nicht der geeignete Brutplatz für Falken ist", sagte Kreissprecher Jan Focken. Das werde auch von anderen Experten und von Sprechern des Naturschutzbundes (Nabu) so gesehen. "Natürlich kann man die Ansicht vertreten, an dem Windrad ist bislang nichts passiert, doch was ist, wenn eines Tages doch ein Wanderfalke tot am Boden liegt? Dann müssen wir uns vorwerfen lassen, dass wir uns nicht für den Schutz dieser Tiere eingesetzt haben." Der Kreis hoffe daher, dass der Anlagenbetreiber Schierl selbst zu der Erkenntnis gelange, den Kasten wieder abzuhängen. "Wir wollen doch alle dasselbe - den Schutz der Tiere und die Förderung der Windkraft." Es sei unnötig, daraus einen Konflikt zu konstruieren. Dass Schierl diesen Schritt unternimmt, ist indes fraglich. Der Rietberger Falkner und Windkraftförderer sagte, er habe auch an den anderen von ihm gebauten Anlagen Brutkästen für Falken angebracht, den ersten bereits 1996 im Rheinland. "In keinem einzigen Fall ist es bisher zu Verlusten gekommen." In Kleve hängte der Betreiber den Kasten aus finanziellen Gründen ab Thiesbrummel warnte, im Kreis Gütersloh oder am Ende sogar landesweit dürfe auf keinen Fall so etwas passieren wie unlängst in der Gegend von Kleve. Dort hatte die Untere Naturschutzbehörde angeordnet, dass zum Schutz von Wanderfalken eine Anlage tagsüber abgeschaltet werden musste - was dem Windkraftmüller einen Einnahmeausfall von 10.000 Euro bescherte. Der Betreiber hängte daraufhin diesen und - aus Sorge vor weiteren Einnahmeausfällen - noch etliche weitere Kästen an seinen Anlagen ab. Kästen, in denen nach Angaben eines örtlichen Ornithologen bis dahin rund 100 Turm- und Wanderfalken flügge geworden waren. Aus Verärgerung über den Aktionismus des Naturschutzbundes war dieser Ornithologe nach 53 Jahren aus dem Nabu ausgetreten.

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