Arbeiten bis zum Umfallen? Ein älterer Mitarbeiter steht an einer Werkbank in der Metallindustrie, im Hintergrund ist ein jüngerer Mitarbeiter zu sehen. Auch im Kreis Gütersloh prägt dieses Bild bereits den Arbeitsalltag in vielen Betrieben - Tendenz steigend. - © Ulrich Baumgarten
Arbeiten bis zum Umfallen? Ein älterer Mitarbeiter steht an einer Werkbank in der Metallindustrie, im Hintergrund ist ein jüngerer Mitarbeiter zu sehen. Auch im Kreis Gütersloh prägt dieses Bild bereits den Arbeitsalltag in vielen Betrieben - Tendenz steigend. | © Ulrich Baumgarten

Gütersloh Studie: Im Kreis Gütersloh gibt es immer mehr ältere Arbeitnehmer

Studie: Im Kreis Gütersloh gibt es immer mehr ältere Arbeitnehmer. Laut einer Auswertung der IKK ist ihre Zahl in nur zwei Jahren um mehr als 20 Prozent gestiegen - und das ist erst der Anfang, sagt der Sozialverband

Nicole Hille-Priebe

Gütersloh. Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel: Dass auch in Güterloh immer mehr ältere Menschen im Rentenalter auf einen Zuverdienst angewiesen sind, zeigt eine neue Auswertung der Krankenkasse IKK classic. Der Gütersloher Sozialverband ist angesichts der Zahlen alarmiert. Daten "In den Betrieben im Kreis ist die Zahl der älteren Arbeitnehmer gestiegen", sagt Stefanie Weier von der IKK classic Westfalen-Lippe. Sie hat die Arbeitsunfähigkeitsdaten der knapp 339.000 versicherungspflichtig Beschäftigten in Westfalen-Lippe anhand von Zahlen der Beschäftigungsstatistik der Bundesagentur für Arbeit ausgewertet. Waren im September 2015 noch 1.249 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in der Altersgruppe der über 65-Jährigen, stieg die Zahl innerhalb von zwei Jahren bis September 2017 um 22,2 Prozent auf 1.526 an. "Zudem bessern immer mehr über 65-Jährige ihr Einkommen durch eine geringfügig entlohnte Beschäftigung auf: Die Anzahl der Minijobber, mit einem monatlichen Arbeitsentgelt bis 450 Euro, stieg im gleichen Zeitraum um 8,4 Prozent auf 5.117 an. 2015 waren es noch 4.720 Personen. Belastungen "Ältere Arbeitnehmer reagieren auf die Ansprüche und Belastungen der Arbeitswelt ganz anders als jüngere Mitarbeiter. Sie erkranken zwar seltener, dafür sind die Krankheitsverläufe oft langwieriger. Jüngere Arbeitnehmer sind im allgemeinen häufiger, dafür aber kürzer krank", sagt Stefanie Weier. Bei älteren Arbeitnehmern lägen Muskel- und Skeletterkrankungen auf Platz eins - Gesundheitsförderung im Betrieb werde deshalb immer wichtiger. Fehlzeiten "In 2017 fehlten die über 59-jährigen Arbeitnehmer krankheitsbedingt an durchschnittlich 35 Tagen, unter 20-Jährige an 11 Tagen. Mit zunehmendem Alter führen vor allem chronische und degenerative Erkrankungen zu Fehlzeiten. Bei Arbeitnehmern ab 60 Jahren verursachten Erkrankungen der Atmungsorgane mit 35,8 Prozent die meisten Arbeitsunfähigkeitstage. Muskel- und Skeletterkrankungen liegen mit 33,5 Prozent auf Platz zwei. Bei den unter 20-Jährigen verursachten Erkrankungen des Muskel- und Skelettsystems dagegen nur 15,9 Prozent der Krankheitstage", so Stefanie Weier weiter. Ursachen "Obwohl ich nur die Zahlen ausgewertet habe, gehe ich davon aus, dass immer mehr Menschen auf einen Zuverdienst im Alter angewiesen sind, weil die Rente nicht reicht", sagt Stefanie Weier. Jürgen Jentsch, Vorsitzender des Gütersloher Seniorenverbands und stellvertretender Vorsitzender der Landesseniorenvertretung NRW, schließt sich ihrer Vermutung an: "Das ist ein Riesenthema. Die soziale Schere geht immer weiter auseinander: Es gibt immer mehr reiche Menschen und immer mehr arme - und es gibt eine zunehmende Altersarmut auf der einen Seite und eine zunehmende Kinderarmut auf der anderen Seite der Demografiekurve." Jentsch geht davon aus, dass sich das Problem der Altersarmut weiter verschärfen wird: "Wir haben bei der Tafel und in der Suppenküche ständig damit zu tun - und das ist erst der Anfang." Folgen "Die Bundesregierung hat es verpasst, etwas gegen die Altersarmut zu unternehmen. Sie hat sie im Gegenteil sogar verschärft: Praktisch jeden Tag kommt ein neuer Erlass, der Einengungen schafft. Wir müssen uns früher kümmern, deshalb gibt die Landesseniorenvertretung in kürze eine neue Infobroschüre zu dem Thema heraus", sagt Jürgen Jentsch.

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