Wegbereiterinnen: Elfriede Güth und Ida Schulze waren die ersten Ratsfrauen in Gütersloh (1952 - 1964). Gleichstellungsbeauftragte Inge Trame stellt fest: Gütersloh feiert nicht 100 Jahre Frauenwahlrecht, sondern 66 Jahre. - © Andreas Frücht
Wegbereiterinnen: Elfriede Güth und Ida Schulze waren die ersten Ratsfrauen in Gütersloh (1952 - 1964). Gleichstellungsbeauftragte Inge Trame stellt fest: Gütersloh feiert nicht 100 Jahre Frauenwahlrecht, sondern 66 Jahre. | © Andreas Frücht

Gütersloh Der Frauenanteil in der Gütersloher Kommunalpolitik bleibt gering

1918 wurde Frauen das Wahlrecht gewährt. Doch wie sieht die Realität in den politischen Gremien 100 Jahre später aus?

Jeanette Salzmann

Gütersloh. So richtig gerne zeigt Inge Trame die Zahlen nicht vor. "Wir haben in all den vielen Jahren keinerlei Sprünge nach vorne gemacht", sagt die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Gütersloh. "Wir dümpeln immer noch rum bei einem Frauenanteil von rund 30 Prozent in der Kommunalpolitik." Die Steigerungsrate gegenüber den Zahlen vor zehn Jahren liegt bei 0,1 Prozent. Trame führt akribisch Statistik. Die Gütersloher Lokalpolitik steht - verglichen mit den anderen Kommunen im Kreis - am schlechtesten da. Dazu kommt ein hohes Durchschnittsalter von 51,5 Jahren. "Frauen engagieren sich in Gremien von Kita und Schule", weiß Inge Trame - nicht zuletzt aus eigener Erfahrung. "Die Klassenpflegschaften sind besetzt mit Müttern. Hier muss man ansetzen, wenn man die Frauen in die Politik holen will." Trame nimmt die Parteien in die Pflicht. "Ich kann aus meiner Position heraus nur begleiten, aber die Parteien müssen sich bewegen." Die nächsten Kommunalwahlen stehen 2020 an. Zwei Jahre seien nicht viel Zeit, so Trame. "Wir müssen jetzt damit beginnen, um die Frauen zu werben." Geschieht dies nicht, sind womöglich schlichtweg keine mehr da. Im Ausschuss von Umwelt und Ordnung der Stadt Gütersloh sitzen 3 Frauen gegenüber 18 Männern. Im Planungsausschuss 2 Frauen, 20 Männer. Besser sieht es aus im Ausschuss für Soziales, Familien und Senioren: mit 9 Frauen sind 50 Prozent der Ausschussmitglieder weiblich. Der Themen-Klassiker. Frau Merkel hat sie in all den Jahren nicht entwickeln können, Hannelore Kraft auch nicht, nicht einmal Maria Unger hat es geschafft, eine Sogkraft zu entwickeln und Frauen in die Politik zu locken. "Ein einziges Vorbild an der Spitze reicht auch nicht", sagt Inge Trame. "Wir brauchen mehr!" Doch Gütersloh tut sich schwer. Während landauf landab in diesem Jahr das Wahlrecht für Frauen seinen 100. Geburtstag feiert, blicken die Gütersloher eigentlich erst auf 66 Jahre zurück. Elfriede Güth und Ida Schulze waren die ersten Ratsfrauen der Stadt ab 1952. "Frauen haben in unserer Stadt auch kaum Spuren hinterlassen", sagt Trame. Sie seien sozial und karitativ im Einsatz gewesen, nicht politisch. Warum nur? "Manchmal kann man nur orakeln", denn Trame weiß genau: sie sind da, die engagierten Frauen. Sie tummeln sich in Vereinen, Schulen, Ehrenämtern jeder Art. Nur in die Strukturen der Politik gingen sie augenscheinlich nicht. "Es fehlt das Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten", so Trame. "Wer kann schon einen Bebauungsplan lesen?" Das sei kein weibliches Problem, aber Frauen machten es gerne zu einem. "Die Unterstützung der anderen ist entscheidend", durch Fürsprache könne man in ein Amt getragen werden. Sei man dort aber angekommen, stehe eines außer Frage: "Ich werde nicht von allen geliebt. Wenn ich Interessen durchsetzen will, ecke ich auch mal an und bin unbequem." Kein Grund zur Sorge, meint Trame, man müsse das auch mal sportlich sehen. Ein politisches Spielfeld eben. "Dieses Spielfeld zu verlassen, bedeutet hingegen, Zuschauer zu sein", und Trame appelliert: "Wir sollten das Feld nicht den Männern überlassen, denn bestimmte Themen sind Frauen lebensnäher." Grundsätzlich solle Politik die Bevölkerung abbilden. Das tut sie in Gütersloh keinesfalls. Vielleicht ist es an der Zeit, andere Rahmenbedingungen zu definieren. Angefangen von der Sitzungskultur bis hin zur Kommunikationsform. "Mentoring-Programm OWL" heißt das Projekt, mit dem die Gleichstellungsstelle gute Erfahrungen in der Vergangenheit gemacht hat. Engagierten Frauen ohne Parteizugehörigkeit wurden Fortbildungsmöglichkeiten offeriert. Die Bandbreite war groß: Wie trainiere ich meine Stimme, richtiges Auftreten vor Publikum, üben von Schlagfertigkeit oder auch der richtige Umgang mit Totschlagargumenten. "Daraus haben sich einige Parteimitglieder entwickelt", Trame führt Statistik. Zur Zeit läuft das Programm nicht. Vor 2020 soll es wieder aufgelegt werden. "Aber es reicht nicht, Frauen vor Kommunalwahlen zu umwerben. Das muss ein kontinuierlicher Prozess sein. "Frauen müssen sichtbar werden", Trame wird nicht müde, diesen dringlichen Wunsch in einer Endlosschleife zu wiederholen. Schluss mit der Bescheidenheit. "ICH kann das!" möchte sie jeder Frau in die Seele schreiben. Und noch eins: "Um langfristig etwas bewegen zu können, muss man in die Politik. Hier werden die Gelder verteilt, hier werden die Masterpläne gemacht." Wer also an den Strukturen etwas verändern will, kommt nicht umhin, sich genau in diese hineinzubegeben. 53 Mitglieder im Rat der Stadt Gütersloh. Davon 17 Frauen. Diese Zahl wird reihum mit Bedauern zur Kenntnis genommen. "Vielleicht ist es an der Zeit, dass wir einen rechtlichen Rahmen schaffen", Trame denkt an ein Parité-Gesetz, dass die Geschlechterbesetzung der Gremien vorschreibt. Gibt es noch nicht in Deutschland. "Aber der Zwang würde helfen. Wenn es von alleine nicht vorwärts geht, dann hilft nur eine gesetzliche Regelung", die könne kreative Lösungen hervorbringen. Bis es soweit ist, können sich die Gütersloher Parteien selbst darin üben, ihre Gremien paritätisch zu besetzen. "Geht ja alles", meint Trame. Männer müssten ihren Blick und ihr Bewusstsein für die Lage schärfen. Und handeln. Denn bei einer Sache muss Inge Trame nicht orakeln: "Frauen brauchen eine aktive Ansprache. Mann muss sie überzeugen!"

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