Stammkunde: Bernd Schüler (69), stellvertretender Leiter des Friedrichsdorfer Wochenmarktes. - © Jens Dünhölter
Stammkunde: Bernd Schüler (69), stellvertretender Leiter des Friedrichsdorfer Wochenmarktes. | © Jens Dünhölter

Gütersloh-Friedrichsdorf Der Friedrichsdorfer Wochenmarkt wird diese Woche zehn Jahre alt

Ein Angebot mit Mehrwert

Jens Dünhölter

Gütersloh-Friedrichsdorf.. Eiskalter, schneidender Ost-Wind; minus acht Grad. Ist das hier Friedrichsdorf oder Sibirien? Die wie Michelin-Männchen eingepackten sechs Händler rund um die Johanneskirche im Ortszentrum von Tippe trotzen tapfer den Eisschrank-Temperaturen. Viel zu tun haben sie bei dem Wetter nicht. "Hallo Ede" grüßt ein Ehepaar im Vorübergehen einen Bekannten. Die Hände sind in den Manteltaschen verborgen. Keiner will länger draußen bleiben als unbedingt nötig. Auch Bernd Schüler (69) ist in Eile. Normalerweise steht der stellvertretende Marktleiter des Friedrichsdorfer Wochenmarktes jeden Donnerstag von 14 bis 18 Uhr am Grill. Heute muss er grippebedingt passen. Er will nur schnell "ein bisschen frisches Obst zum gesund werden" einkaufen. Die Frage "Habt ihr auch einzelnen Ingwer? Ich muss mir dringend Ingwertee machen" beantwortet die Verkäuferin an Verhoff?s Obst- und Gemüsestand mit einem Lächeln. Anders als bei Discountern werden hier auf dem grünen Bio-Markt (nur Produkte aus eigener Herstellung der Händler) auch Kleinstmengen mit Freude und Liebe verkauft. Im Sommer ist der Friedrichsdorfer Wochenmarkt als etablierter Treffpunkt für Nachbarn, Verwandte, Freunde als Mittelpunkt des Dorfgeschehens nicht mehr weg zu denken. Am morgigen Donnerstag wird der einzige von einer Kirchengemeinde betriebene Markt im Kreisgebiet zehn Jahre alt. Um das familiäre Flair nebst dem örtlichen Zusammenhalt zu erleben, muss man von der Kälte ins beheizte Gemeindehaus ein paar Meter weiter wechseln. Gleich am Eingang hat Susann Huggett ihren Schmuckstand aufgebaut. Im Gemeindesaal um die Ecke stehen auch Pesto-Bärbel und fünf, sechs weitere Versorgungsstände für Seife oder Dekoartikel. Die rund 25 bis 30 Plätze an den Tischen und Stühlen in der anderen Hälfte des Saal sind fast vollständig belegt. Bei Kaffee, Tee oder Kakao für einen Euro wird hier der neueste Dorftratsch ausgetauscht. "Jeder Händler hat bei uns einen Spitznamen", erklärt Elke Stallbaum-Müther. Das 54-Jährige Multi-Tasking-Talent ist Antriebsfeder, Motor und Initiatorin des wöchentlichen Treibens mitten im Ortskern. Weil im Dorf immer wieder über die schlechte Versorgung mit Frischeprodukten gemeckert wurde, hat sie 2008 mit anfangs freundlicher Unterstützung des Ordnungsamtsleiters Thomas Habig flugs einen eigenen Wochenmarkt für Friedrichsdorf auf die Beine gestellt. "Wenn zwei das Gleiche verkaufen, verdienen sie nix" Die Händler hat die Marktleiterin, gegen deren Wortgewalt kein Kraut gewachsen ist, höchstpersönlich auf anderen Märkten rekrutiert. Aus anfangs 14 sind sieben feste Beschicker geworden. "Die kommen bei Wind und Wetter", stellt Elke Stallbaum-Müther fest. Als Lohn für die Treue erhalten sie eine andernorts unübliche Exklusivität: Egal ob Obst, Brot, Milch, Fisch, Fleisch, Käse oder Blumen - jede Branche gibt es hier nur einmal. Elke Stallbaum-Müther: "Wenn zwei das gleiche verkaufen, verdienen sie nix." Da das ehrenamtlich betreute Marktcafé als Umsatzbringer Nummer 1 die laufenden Kosten (Strom, Wasser) deckt, wird auf Standgeld verzichtet. Elke Stallbaum-Müther: "Wir arbeiten nicht gewinnorientiert. Überschüsse werden gespendet". Um den Besuchern einen "Mehrwert zu bieten" (Stallbaum-Müther) wird das Geschehen regelmäßig mit Aktionen wie Motto-Themen, Wettbewerben, Auftritten lokaler Gruppen (Akkordeonspieler, Waldorf-Kindergarten) oder Dorade- und Püfferchen-Essen aufgelockert. Ganz zufrieden mit der Resonanz ist die Initiatorin dennoch nicht. Während der Markt in Ummeln, Brackwede oder Windflöte einen tollen Ruf genießt, vermisst sie in Tippe gelegentlich die Wertschätzung. Die Zurückhaltung sei typisch für die Friedrichsdorfer. "Das ist ein trockener Acker, den muss man gießen und regelmäßig Unkraut rupfen". Als Indikator für einen erfolgreichen Markt-Tag hat sich im Laufe der zehn Jahre die Menge des verkauften Waffelteigs entpuppt. Elke Stallbaum-Müther: "Wenn wir 25 Kilo verkaufen, war es ein guter Tag". An diesem Tag reicht Monika Diercksmöller trotz der Eiseskälte kurz nach 17 Uhr die letzte Portion "Waffel mit Puderzucker und roter Grütze für 1 Euro" über den Küchen-Tresen. Damit sind 20 Kilo Waffelteig weg. Im Hintergrund laden um 16.50 Uhr die Kirchenglocken zur üblichen "Zwölf Minuten Andacht" ins Gotteshaus ein - eine weitere Besonderheit des Wochenmarktes in Friedrichsdorf. Weil Pastor Alexander Kellner krankheitsbedingt passen muss, springt Gottfried Kemper mit einem kleinen Orgelkonzert ein. Drei Besucher lauschen andächtig der Musik. In Kisten gelagerte Decken und kleine Knick-Wärmflaschen helfen gegen die Kälte. Gegen 17.15 Uhr macht auch Uli Vornholt am Wurststand Feierabend: "Dat lohnt sich nicht. Kommt keiner mehr". Nächsten Donnerstag sehen sich alle wieder. Elke Stallbaum-Müther: "Das ist kein Schön-Wetter-Markt von Mai bis Oktober. Wir sagen nur bei Orkanwarnung ab. www.friedrichsdorfer-wochenmarkt.de"

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