So haben es die Kommunen gern: Ein Hausarzt beim Blutdruck-Messen einer Patientin. Solche Behandlungsangebote aufrecht zu erhalten, verstehen Stadtverwaltungen und Politik zunehmend als eine Aufgabe ihrer Infrastruktur-Politik. - © dpa
So haben es die Kommunen gern: Ein Hausarzt beim Blutdruck-Messen einer Patientin. Solche Behandlungsangebote aufrecht zu erhalten, verstehen Stadtverwaltungen und Politik zunehmend als eine Aufgabe ihrer Infrastruktur-Politik. | © dpa

Gütersloh So will der Kreis Gütersloh die hausärztliche Versorgung verbessern

Der Puls ist leicht erhöht

Ludger Osterkamp

Gütersloh. Die Kassenärztliche Vereinigung hat es kürzlich mit Zahlen belegt: Gütersloh zählt zu jenen Orten, in denen die Versorgung mit Hausärzten einen Stand erreicht hat, der bedenklich ist. Nun will die Stadt gegensteuern. Gefördert mit Geld aus einem Landesprogramm, will sie sich von Fachleuten aufzeigen lassen, welche Möglichkeiten sie dafür hat. Bei einer Debatte gestern Abend im Hauptausschuss herrschte Konsens, dass es Handlungsbedarf gibt. Teils akuten, auf jeden Fall aber chronischen. Bürgermeister Henning Schulz formulierte die Kernfrage: "Wie gelingt es uns, medizinischen Nachwuchs nach Gütersloh zu locken?" Um wenig später hinterherzuschieben, dass die Stadt sich an einem Ansiedlungswettbewerb über Prämienzahlungen keinesfalls beteiligen werde. Es gehe darum, andere Möglichkeiten der Attraktivierung zu finden. Dafür brauche man Vorschläge. Diesen Besteckkasten von Handlungsmöglichkeiten soll nun das Projekt "Vital lokal" liefern, Teil des Landesprogrammes Vital.NRW. Circa 80.000 Euro steuert das Land dazu bei, den erforderlichen Eigenanteil von 40.000 Euro (35 Prozent) teilen sich Gütersloh und die Gemeinde Langenberg, verteilt auf zwei Jahre. Während von den Gütersloher Fraktionen dazu gestern keine Einwände erhoben wurden, befasst sich der Haupt- und Finanzausschuss in Langenberg erst am Donnerstag mit dem Thema. Die Zustimmung der beiden Kommunen ist Voraussetzung, damit der Verein LAG GT 8 (siehe Infokasten) Mitte März den Förderantrag bei der Bezirksregierung stellen kann. Dass die 1000.000-Einwohner-Großstadt Gütersloh bei diesem Projekt mit der 8.400-Seelen-Gemeinde Langenberg kooperiert, erklärte Jörg Möllenbrock von der Stadtverwaltung damit, dass es bei dem Thema Hausarzt-Versorgung letztlich auch in Gütersloh vor allem um die Probleme in den eher ländlich strukturierten Ortsteilen gehe. Um Blankenhagen beispielsweise, wo es seit siebzehn Jahren keinen Hausarzt mehr gebe, oder aktuell in Avenwedde, wo eine Praxis erst vor wenigen Tagen in die Innenstadt umgezogen ist (wenngleich möglicherweise nur vorübergehend). Im Emsland, so Rolf Heinze als weiteres Beispiel, sei mit dem Thema "Heimat" gepunktet worden Die Fragen, die sich Langenberg stelle, seien somit ähnliche wie in Blankenhagen. Das Projekt "Vital lokal" solle helfen, darauf Antworten zu finden - und zwar möglichst solche, die dann auch in anderen Stadtteilen bei der Lösung der Probleme Hausärzte-Mangel oder unzureichender pflegerischer Versorgung helfen könnten. Betraut mit dem Projekt sind drei Institute: Das ZIG - Zentrum für Innovation in der Gesundheitswirtschaft OWL (Bielefeld), das Institut für Wohnungswesen, Immobilienwirtschaft und Regionalentwicklung (InWIS) der Ruhr-Universität Bochum sowie das Institut Arbeit und Technik (IAT) der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen. Mit Uwe Borchers vom ZIG und Rolf Heinze vom InWIS waren zwei davon gestern vertreten. Borchers sagte, er empfehle Gütersloh zum Beispiel den Aufbau eines Rückkehr-Managements: Studenten, die einen Bezug zur Heimat hätten und denen man die Rückkehr schmackhaft machen könne. "Ja, es gibt einen Wettstreit zwischen den Kommunen, es gibt Prämien und Headhunter, aber Geld ist nicht alles", sagte Borchers. Die Wohnqualität, die Möglichkeit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die Vernetzung von Ärzten untereinander - auch das seien ansiedlungsrelevante Punkte und der Beginn einer Liste, die Bürgermeister Schulz um die Aspekte Kita-Plätze, Kulturangebot, dritte Gesamtschule, Mobilität und Familienfreundlichkeit verlängerte. Gerade auf solche "weichen Faktoren", so Schulz, habe eine Kommune Einfluss. Eine weitere Option sei, den Ärzten kommunale Flächen für die Ansiedlung einer Praxis anzubieten. Im Emsland, so Rolf Heinze als weiteres Beispiel, sei mit dem Thema "Heimat" gepunktet worden. "Damit wurden erfolgreich Ärzte angelockt." Borchers legte Gütersloh den Aufbau einer kommunalen Ansprechstelle für ansiedlungsinteressierte Ärzte nahe, einen Weiterbildungsverbund von Krankenhäusern und Praxen, eine intensivere Kommunikation mit dem Ärzteverein und der ZAB, ein Ausloten der Möglichkeiten von Digital- und Telemedizin. Gegenseitige telemedizinische Befundbeurteilung, Förderung von Online-Videosprechstunden etwa zwischen Hausärzten an ihren Praxis-Schirmen und den Patienten in den Pflegeheimen sowie Assistenz bei der Entwicklung von Geschäftsmodellen - auch dort könnten sich Handlungsoptionen für Kommunen eröffnen.

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