Einzelkämpfer: Vielen Autisten fällt es schwer, soziale Kontakte aufzubauen. Lieber sind sie für sich und beschäftigen sich alleine. Themen - © Andreas Frücht
Einzelkämpfer: Vielen Autisten fällt es schwer, soziale Kontakte aufzubauen. Lieber sind sie für sich und beschäftigen sich alleine. Themen | © Andreas Frücht

Gütersloh Autismus: Jan lebt in seiner eigenen Welt

Entwicklungsstörung: Jan ist zehn Jahre alt und Autist. Bis diese Diagnose feststeht, vergehen Jahre.

Lena Vanessa Niewald

Gütersloh. Manchmal schaut Jan* aus dem Fenster. Nicht nur kurz oder flüchtig, Jan schaut lange raus. Während seine Klassenkameraden eifrig in ihre Hefte schreiben, schaltet Jan ab. Der blaue Himmel mit den vielen weißen Wolken zieht Jan viel mehr in den Bann. Erst als seine Sitznachbarin Julia* ihn vorsichtig anstupst, ist Jan wieder da. Jan ist 10 Jahre alt und Autist. Sich auf eine Sache konzentrieren, das kann er perfekt. Mehrere Sachen gleichzeitig koordinieren hingegen nicht. Wenn viele durcheinanderreden, dann ist es Jan zu laut. Und jemandem ins Gesicht zu schauen ist gar nichts für ihn. Heute kann Jans Mama Monika Heitmeyer sein Verhalten einschätzen. Sie weiß, was er kann, was nicht und vor allem, wann und wie er auf Unterstützung angewiesen ist. Früher war das anders. "Schon im Kindergarten hatte Jan Probleme, sich zu integrieren. So richtig wurde er mit den anderen Kindern nicht warm. Er war meist in seine eigene kleine Welt versunken. Zum Spielen ist kaum jemand zu uns nach Hause gekommen", erinnert sich Heitmeyer. Lieber hat Jan alleine gespielt und Türme gebaut. Immer nach dem gleichen Schema mussten seine Lego-Bauwerke sein. "Sein räumliches Vorstellungsvermögen war schon damals beeindruckend, aber wehe, man hat etwas an seinen Türmen verändert. Das fand Jan nicht lustig", sagt Heitmeyer und muss dabei fast ein wenig schmunzeln. "Er sollte Tabletten schlucken und dann wäre alles gut" Sie habe gemerkt, dass etwas mit ihrem Sohn nicht stimmt. Was es ist, konnte sie aber nie sagen. Immer mal wieder lässt Heitmeyer ihren Sohn untersuchen. Sie stellt ihn bei verschiedensten Ärzten und Psychologen vor. Das Einzige, das sie ihr raten: Tabletten. "Es hieß immer, dass Jan irgendein Aufmerksamkeitsdefizit hat. Er sollte einfach mal eben Tabletten schlucken und dann wäre alles gut", sagt Monika Heitmeyer heute noch fassungslos. Die zweifache Mutter findet sich mit diesen Erkenntnissen nicht ab. Irgendwann trifft sie tatsächlich einen Kinderpsychologen, der - wie sie selbst sagt - "mal ein paar Tests mehr mit Jan durchgeführt hat." Das Ergebnis: Autismus. Seitdem hat sich bei den Heitmeyers einiges geändert. Mittlerweile geht Jan auf eine weiterführende Schule - gemeinsam mit seiner Integrationshelferin Julia. Er nimmt regelmäßig Therapiestunden in Anspruch. "Jan macht Fortschritte", sagt seine Mutter. Die Entscheidung, Jan auf eine "normale" Schule zu schicken, sei die beste gewesen. Ihr Sohn schaue sich viel von seinen Mitschülern ab - vor allem, was ihr Verhalten angeht. "Jan ist clever und saugt alle Informationen auf, die er bekommen kann. Aber er kann sie nicht eben nicht so gut filtern", so Heitmeyer. Wenn es ihm in der Schule zu laut wird, darf er Kopfhörer aufsetzen. Ab und zu braucht er Erklärungshilfe oder Denkanstöße von seiner Begleiterin Julia. Vor allem, wenn es zu einer sogenannten Reizüberflutung kommt, weiß Melanie Esken, Sozialpädagogin beim Autismus-Therapie-Zentrum in Gütersloh. "Autisten fällt es schwer, sich im Schulalltag zurechtzufinden. Sie müssen viele Eindrücke verarbeiten und werden ständig gefordert." Jan nimmt die Herausforderung, so gut es geht, an. Er nimmt am Unterricht teil - wie alle anderen auch. Auch die Klausuren schreibt der 10-Jährige mit. Und es läuft. Aus der Reihe tanzt Jan in der Schule nicht. Seine Krankheit fällt kaum auf. Auch zu Hause nicht mehr. "Wir kennen ihn ja alle so", sagt Heitmeyer. Jan ist viel in seinem Zimmer, beschäftigt sich mit Türmebauen oder anderem "Technikkrams". Eine typische Eigenschaft von Autisten, sagt Melanie Esken. "Autisten spezialisieren sich auf ein Themengebiet, und darin kennen sie sich dann extrem gut aus. Das können Eisenbahnen, Traktoren oder eben auch Türme sein." "Er kann nicht einschätzen, ob er hungrig ist" Dass Autisten wie Jan lieber für sich sind, ist auch typisch. Jan hat einen guten Freund in der Schule gefunden. Ab und zu treffen die beiden sich. Mehrere enge soziale Kontakte sind dem 10-Jährigen aber zu viel. "Soziale Interaktion und Kommunikation fällt Autisten schwer", erklärt Melanie Esken. Noch macht sich Mutter Monika Heitmeyer noch keine Sorgen um Jans Zukunft. Sie weiß aber auch, dass ihr Sohn wohl nie ganz alleine leben wird. "Sein Schmerzempfinden ist durch die Krankheit herabgesetzt. Er kann auch nicht einschätzen, ob er hungrig oder durstig ist", sagt Heitmeyer. Sie müsse ihn beim Mittagessen häufig stoppen oder ihn abends auffordern, etwas zu trinken. Für Außenstehende mag das komisch klingen, Jans Familie hat sich daran gewöhnt. Und wenn die Heitmeyers abends beim Essen zusammen sitzen, dann nimmt auch Jan an den Gesprächen teil. "Er fragt manchmal zwar eine halbe Stunde später noch mal etwas zu einem Thema, das wir eigentlich schon längst abgeschlossen haben. Aber sonst ist er sehr aktiv und interessiert", sagt Monika Heitmeyer. Das sei "früher" anders gewesen. Mit früher meint Heitmeyer die Zeit vor der Diagnose. Früher, als noch nicht klar war, was Jan hat. Jetzt steht fest, Jan ist Autist. Die Feststellung ändert nichts an der Krankheit oder seinem Verhalten. Trotzdem ist sie eine Erleichterung - vielleicht nicht für Jan selbst, aber für alle, die ihn in ihr Herz geschlossen haben.

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