Aufstehen: Zu den Klängen der Hymne "Break the Chain" ("Zerbrich die Ketten") tanzten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer beim Aktionstag "One Billion Rising" gleich dreimal hintereinander unter lautem Getöse, um so ein Zeichen gegen Gewalt und sexuelle Unterdrückung zu setzen. - © Jens Dünhölter
Aufstehen: Zu den Klängen der Hymne "Break the Chain" ("Zerbrich die Ketten") tanzten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer beim Aktionstag "One Billion Rising" gleich dreimal hintereinander unter lautem Getöse, um so ein Zeichen gegen Gewalt und sexuelle Unterdrückung zu setzen. | © Jens Dünhölter

Gütersloh Mit Sicherheit gegen Gewalt

In der Landespolitik wird ein neues Modell für Frauenhäuser wissenschaftlich begleitet. Die Einrichtungen sollen raus aus dem Schutz ihrer Anonymität - in Gütersloh findet das keinen Anklang

Nicole Hille-Priebe

Gütersloh. Wenn Frauen zu Hause geschlagen, vergewaltigt, gedemütigt oder psychisch bedroht werden, bleibt ihnen als erste - oder letzte - Zuflucht häufig nur eines der 62 Frauenhäuser, die es in Nordrhein-Westfalen gibt. Der größte Schutz dieser Institutionen liegt wie in Gütersloh bislang in ihrer bedingungslosen Anonymität: Im Normalfall sollte es einfacher sein, eine Stecknadel im Heuhaufen zu finden, als die Adresse des örtlichen Frauenhauses in Erfahrung zu bringen. Nun macht am anderen Ende von Ostwestfalen-Lippe gerade ein neues Konzept von sich Reden, für das sich auch die NRW-Gleichstellungsministerin Ina Scharrenbach bereits interessiert: Damit die Betroffenen nicht mehr unter dem Gefühl leiden müssen, sich zu verstecken, hat das "Hexenhaus" in Espelkamp (Kreis Minden-Lübbecke) seine Anonymität aufgegeben und steht mit voller Adresse in Telefonbuch und Internet. Anlässlich des Aktionstages "One Billion Rising" gegen Gewalt an Frauen haben wir vor Ort nachgefragt: Ist dieses Modell der Öffnung auch in Gütersloh denkbar? Und wenn ja: Welche Vorteile hätte es? "Die Anonymität der Schutzadresse ist für uns unverzichtbar", betont Petra Strauss vom Gütersloher Frauenhaus. Eine Kontaktaufnahme mit der seit 1976 bestehenden Institution sei deshalb nur telefonisch möglich - "und das soll auch so bleiben". Nachdem das Espelkamper Modell durch die Medien gegangen war und jüngst im Düsseldorfer Landtag vorgestellt wurde, hatte es auch im Gütersloher Frauenhaus für Gesprächsstoff gesorgt. "Ich finde es zwar immer gut, dass man nach neuen Antworten sucht, denn die Gewalt in den Familien und gegen Frauen wird nicht abnehmen. Sie bleibt vielmehr eine riesige gesellschaftliche Herausforderung. Deshalb steht bei uns an erster Stelle die Frage nach dem Schutz der Betroffenen", sagt Strauss. Eine Öffnung dieses Schutzraumes steht für sie in direktem Zusammenhang mit dem jeweiligen kommunalen Konzept, das sich in diesem Fall nicht übertragen ließe. "Bei uns gilt Safety first: Die Sicherheit geht vor. Das geht so weit, dass Frauen, die massiv bedroht werden, in einem Frauenhaus in einer anderen Stadt untergebracht werden." Strauss erlebt jeden Tag, welche Belastungen dieses Lebens im Versteck für die Betroffenen und besonders für Kinder bedeutet. "Niemand darf wissen, wo man wohnt, und die Kinder dürfen keine Spielkameraden einladen - der Alltag ist schon sehr besonders. Aber wenn die Frauenhäuser nicht mehr anonym wären, wäre unser Schutzstatus verloren. Und der Schutz geht bei uns über alles." Bei dem aktuell in Düsseldorf diskutierten Espelkamper Modell wurde unter dem Motto "Richtungswechsel: Sichtbar - sicher - selbstbestimmt" der Schutz der Anonymität durch Überwachungs- und Sicherheitstechnik ersetzt. "Die Anonymität des Frauenhauses wurde zugunsten eines erweiterten Sicherheitskonzepts aufgegeben", bestätigt Fabian Götz, stellvertretender Pressesprecher der Gleichstellungsministeriums. "Zudem wurden besondere Angebote für Kinder im Frauenhaus entwickelt und erprobt. Insbesondere mit der Aufgabe der Anonymität des Frauenhauses werden neue Wege beschritten", so Götz weiter. Ziel sei es, dass die Opfer nicht aus der Öffentlichkeit verschwinden. "Um trotzdem die Sicherheit der Frauen zu jeder Zeit zu gewährleisten, wurden ein umfassendes Sicherheitskonzept und eine enge Zusammenarbeit mit der Polizei etabliert. Das Sicherheitskonzept umfasst eine Risikoanalyse bei der Aufnahme ins Frauenhaus. Zudem arbeitet das Frauenhaus mit Videoüberwachung nach außen, Sicherheitsschleuse und Transponder-Schließsystem." Seit Beginn des Modellprojekts sei es zu keinen Vorkommnissen gegenüber den Frauenhausbewohnerinnen gekommen. Für das Gütersloher Frauenhaus ist dieses Konzept keine Alternative. "Die Frauen sollen bei uns erst einmal gerade werden und sich ausruhen. Man darf nicht vergessen, dass der Schritt ins Frauenhaus ein sehr großer und folgenreicher Schritt ist. Nach der ersten Eingewöhnung fordern wir dann stark die Selbsthilfe ein. Aber die Grundlage für alle weiteren Schritte ist das Sicherheitsgefühl", erklärt Petra Strauss, die bis zu 80 Frauen und Kinder pro Jahr im Frauenhaus Zuflucht gibt. "Wir haben ein Problem mit Gewalt in dieser Gesellschaft", sagt sie.

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